Finanz- und Wirtschaftsblog

Zeitungen und Journalisten in der selbstverschuldeten Krise

Schwindende Auflagen, sinkende Werbeeinnahmen, Desinteresse junger Leser und Vorwürfe von Lügenpresse haben Journalisten und die Zeitungsindustrie in eine der schwersten Krisen ihrer Historie gestürzt. Ein Hauptverantwortlicher, der für all das verantwortlich sein soll, wurde im Internet gefunden. Die Kostenloskultur verhindere ein wirtschaftliches Überleben der Zeitungen und die Diskussionskultur in den Kommentaren sei verroht und nicht mehr beherrschbar. Aber stimmen die Vorwürfe überhaupt oder tragen Journalisten und Verleger eine Mitschuld an den aktuellen Zuständen?

Das Internet als Totengräber der gedruckten Zeitung?

Der Vorwurf, dass das Internet den Niedergang der Zeitungen in Deutschland einleitete und es ihnen unmöglich macht sich zu finanzieren, ist so nicht haltbar. Seit zwei Jahrzehnten sinken die Auflagen von Tages- und Wochenzeitungen im Schnitt um drei Prozent. So betrug die Gesamtauflage der in Deutschland verkauften Tageszeitungen 1998 noch 24,3 Millionen Stück, wohingegen sie letztes Jahr nur noch 14,7 Millionen Stück betrug. Prognosen warnen bereits vor dem vollständige Aussterben gedruckter Zeitungen bis zum Jahr 2034, wenn der Rückgang das derzeitige Tempo beibehält. Und daran soll das Internet schuld sein?

Eher nicht. Der Höhepunkt der verkauften Auflage wurde 1983 mit 30,1 Millionen Stück erreicht, seit dem sinken die Stückzahlen kontinuierlich. Dieser Trend setzte somit bereits vor der Verbreitung des Internets ein. Ähnliches gilt für die Anzahl von Tageszeitungen, die im Wettbewerb zueinander stehen. Mit dem Ende des NS-Zeit schlug sich die neugewonnene Meinungsfreiheit in in einen regelrechten Gründerboom bei Zeitungen nieder. So gab es 1954 in Westdeutschland 225 Tageszeitungen, deren Anzahl sich bis zur Wiedervereinigung auf 119 Stück konsolidierte. Einzig durch das geeinte Deutschland und 17 Millionen zusätzliche Leser gab es einen kurzen und heftigen Sprung bei den Auflagen und der Zahl der Tageszeitungen. Eine Trendumkehr setzte jedoch nicht ein und der Auflagen- und Zeitungsschwund hielt an. So ergibt sich, dass 2017 es genauso viele im Wettbewerb stehende Tageszeitungen gibt, wie sie vor der Wiedervereinigung existierten.

Auch bei der wirtschaftlichen Problematik wird dem Internet gerne der schwarze Peter zugeschoben, der es Zeitungen unmöglich machen soll, ein adäquates Auskommen zu generieren. Das die Situation schwierig ist und die Werbeumsätze stark rückläufig sind, ist nicht zu bestreiten. Was schwieriger herauszufinden ist, sind die Ursachen für den Schwund und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden könnten, um diese Verluste auszugleichen. Letztes Jahr erreichten die Werbeumsätze bei den Tageszeitungen nur noch ein Drittel des Höchststands von 2000. Die Verluste konnten zwar teilweise durch höhere Einnahmen aus dem Vertrieb kompensiert werden, dennoch liegen die Gesamtumsätze 22 Prozent unterhalb dem Niveau von 1998. Ein Grund dafür ist die Innovationsträgheit vieler Verlage im Bezug auf das Internet.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

Viel zu spät wurde auf die Digitalisierung gesetzt und Konzepte entwickelt, mit denen die Transformation von einer Papierzeitung, hin zu einer digitalen Zeitung gelingen kann. Im Gegenteil. Die Branche versuchte alles Erdenkliche, um ihre alten und verkrusteten Strukturen und Prozesse des analogen Zeitalters zu schützen und das Rad der Zeit zurückzudrehen. Geboren war das Leistungsschutzrecht für Presseverleger mit dem Ziel, Suchmaschinen wie Google für die gelisteten Artikel der Zeitungen zahlen zu lassen. Genutzt hat es nichts, da Google drohte, Verlage ohne Gewährung einer kostenlosen Lizenz aus ihrem Newsportal zu verbannen. Die Verlage gaben klein bei und haben bis auf einen Papiertieger nichts erreicht. Sinnvoller wäre es gewesen, die verbrauchten Ressourcen in Produkte wie E-Paper und Onlineauftritte zu investieren. E-Paper wurden erstmals 2005 in nennenswerte Anzahl eingeführt. Seitdem ließen sie mit zweistelligen Zuwachsraten aufhorchen und wurden zu einem Kerntreiber der Entwicklung, die früher oder später die wirtschaftliche Basis einer Zeitung bilden wird.

Aber selbst wenn die Entwicklung der Digitalisierung offen angegangen wird ist sie kein Garant für den Erfolg. Bei den meisten Tages- und Wochenzeitungen sind die Abonnentenzahlen trotz E-Paper rückläufig oder haben sich auf niedrigen Niveau stabilisiert. Solange sich dieser Trend nicht umkehrt und Richtung Ausgangsniveau maschiert, solange wird die prekäre wirtschaftliche Lage anhalten. Nur woher sollen die neuen Abonnenten kommen? Im jungen Publikum von 14 bis 29 greift nur noch jeder Dritte täglich zur Tageszeitung bei gleichzeitig sinkendem Zeitbudget für den Konsum der Inhalte. Das Modell Zeitung verliert somit immer mehr an Relevanz und dies wird durch das Verhalten von Journalisten und Verlage noch beschleunigt.

Abonnentenzahlen Wochenzeitungen
Abonnentenzahlen Wochenzeitungen

Gute und kritische Journalisten werden benötigt

Bis zum Durchbruch des Internets war die Kommunikation zwischen Journalisten und ihren Lesern auf wenige Kanäle ohne unmittelbare Rückmeldung beschränkt. Kritik oder Lob durch die Leser drang nur selten durch, ansonsten waren Journalisten relativ abgeschottet von ihrem Publikum. Dies änderte sich schlagartig, als immer mehr Menschen anfingen in den Kommentarsektionen der Online Auftritte ihre Ansichten und Meinungen zu posten. Mit einem mal waren Journalisten, die zuvor durch ihre Kollegen eine wohlfühl Filterblase bildeten, der Realität der Leser ausgesetzt. Jeder war in der Lage die Arbeit von Journalisten nachzuvollziehen, zu bewerten, zu kritisieren aber auch anderen Ansichten ihr entgegenzustellen. Dieses Angebot wurde von den Lesern so gut angenommen, dass die Zeitungen in eine Bredouille gerieten.

Eine Möglichkeit wäre es gewesen, die Kommunikation, die offen und relativ ungefiltert floss, zu nutzen, das Publikum und seine Interessen zu analysieren und besseren Journalismus zu verwirklichen. Diese Chance wurde leider vertan. Viele Angebote gingen dazu über, bei kontroversen Themen ihre Kommentarfunktion zu schließen oder ihr Recht auf Moderation stark auszuweiten. Dazu kamen die Vorwürfe der einseitigen Berichterstattung, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Während in der Flüchtlingskrise eine übermäßige und einseitige Euphorie einsetzte, die negative Folgen und Probleme ignorierte, setzt beim Thema Russland das genaue Gegenteil ein. Gründe für diese Einseitigkeit sind sicherlich in der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Journalisten zu finden, die das schreiben, was ihrer Meinung nach von den Chefredakteuren abgesegnet wird, andererseits haben viele Journalisten oftmals sehr ähnliche soziale Hintergründe. Die Mehrheit kommt aus wohlhabenderen Familien, haben einen Hochschulabschluss in einem Geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fach und würden die Grünen wählen.

Für viele Probleme, die die Zeitungsbranche aktuell durchlebt, trägt sie selbst die Verantwortung. Die Digitalisierung wurde auf breiter Front verschlafen, der Wandel der Mediennutzung übersehen, aber auch der journalistische Pluralismus und die kritische Distanz zu Politik und Wirtschaft wurden in den vergangenen Jahren immer mehr aufgegeben. Dazu kommen die wirtschaftlichen Einschnitte, die Redaktionen zusammenlegen und die Vielfalt weiter ausdünnt. Ohne Journalisten kann ein Nachrichtenmagazin aber nicht überleben, daher sollte eben an dieser Stelle nicht gespart werden. Im Gegenteil. Redaktionen müssten personell besser ausgestattet sein, um in Zukunft nicht zu einem Durchlauferhitzer für große Nachrichtenagenturen zu werden. Denn wenn alle von der gleichen Quelle abschreiben, kann man von den Kunden nicht erwarten, dass sie dafür Geld bezahlen.


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