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Wie die Privatisierung Roms Wasserkrise verschärft

Während über Deutschland schwere Unwetter wüten und enorme Regenmengen sich ergießen, erlebt Italien den heißesten Sommer seit 50 Jahren. Die Hitzewelle, die vor allem Mittel- und Süditalien trifft, lässt die Menschen unter Temperaturen jenseits der 30 Grad leiden.

Rom – Die ewige Stadt fällt trocken

Die andauernde Hitze sorgt dafür, dass sich in vielen Regionen und Städten die Wassersituation zuspitzt. In der Hauptstadt Rom hat die Kombination aus zu wenig Regen und hohen Temperaturen dazu geführt, dass der Wasserversorger ACEA eine Rationierung des Trinkwassers in Erwägung zieht.

So sollen neben der Trockenlegung der römischen Brunnen auch Hausanschlüsse der Bewohner in einem Acht-Stunden-Rhythmus abgeklemmt werden. Diese Zwangsmaßnahmen werden notwendig, da die Entnahme aus einem der wichtigsten Trinkwasserreservoirs – dem Lago di Bracciano – untersagt wurde.

Dies geschah aufgrund des stetig sinkenden Wasserspiegels des Kratersees, der inzwischen 160 Zentimeter unter Normalnull liegt. Durch das Absinken wurden nicht nur archäologische Funde freigelegt, es wird auch eine Umweltkatastrophe befürchtet.

Zwar ist die andauernde Hitzewelle das Hauptproblem, aber auch ACEA und die italienische Gesellschaft als Ganzes sind an der aktuellen Problematik nicht ganz unschuldig.

ACEA – Teilprivatisierter Wasserversorger verschärft die Krise

ACEA ist ein privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen in der Form einer Kapitalgesellschaft. Die Mehrheit der Anteile wird in kommunaler Hand der Stadt Rom gehalten. Ein weiterer bedeutender Anteilseigner ist die SUEZ Group aus Frankreich, die in den Bereichen Wasser- und Abfallwirtschaft schon in der Vergangenheit für negative Schlagzeilen gesorgt hat.

Die Problematik an dieser Konstellation ist, dass unterschiedliche Interessen an ACEA gerichtet werden. So legen die Bürger hohen Wert auf eine effiziente, günstige und qualitativ hochwertige Wasserver- und Abwasserentsorgung. Dies geht mit hohen Investitionskosten und geringen Gewinnmargen einher.

Die privaten Anteilseigner wollen zwar nicht vorsätzlich eine schlechte Versorgung der Bürger leisten, aber ihr Hauptziel ist es, hohe Gewinne zu erwirtschaften. Dabei sind hohe Investitionsausgaben und niedrige Wasserpreise eher hinderlich.

Kaum Investitionen in marode Leitungssysteme

Das Ergebnis aus dem Interessenskonflikt ist, dass ACEA nur sehr wenig in den Erhalt, die Modernisierung und den Ausbau der Rohrsysteme investiert. Während in Deutschland Wasserverluste durch undichte oder defekte Rohre bei etwa 7 Prozent der Bruttowassermenge liegen, beträgt der Anteil in Italien mit 28 Prozent das Vierfache. Rom toppt diesen Wert mit fast 40 Prozent noch einmal erheblich.

Die alten und maroden Leitungen liegen teilweise schon mehr als 50 Jahre in der Erde. Wenn man sich dann im Gegensatz dazu die Investitionen anschaut, dann tritt ein deutliches Missverhältnis offen zu Tage. Seit 2012 wurden in Rom etwa 865 Millionen Euro in die Wasserversorgung investiert. Im gleichen Zeitraum kam Hamburg auf 650 Millionen Euro und Berlin auf über 1,3 Milliarden Euro.

Während ACEA insgesamt 9 Millionen Menschen in Italien versorgt, werden in Berlin etwa 3 Millionen und in Hamburg etwa 2 Millionen Menschen im Einflussgebiet versorgt. Dies führt dazu, dass die Investitionskosten pro Person in Deutschland deutlich höher sind.

ACEA investierte durchschnittlich 19 Euro pro Jahr und pro Kopf in die Wasserinfrastruktur. In Berlin hingegen sind es 87 Euro und in Hamburg 63 Euro. Für die höheren Kosten erhalten die Menschen eine höhere Versorgungssicherheit, geringere Wasserverluste durch Leckagen und eine höhere Wasserqualität.

Die Italiener verbrauchen zu viel

Die höheren Wasserpreise in Deutschland hatten in der Vergangenheit aber auch positive Nebeneffekte. Während es in Deutschland selbstverständlich ist, nachhaltig und sparsam mit dem Wasser umzugehen, ist dies in Italien noch nicht in alle Gesellschaftsschichten vorgedrungen. In Deutschland werden im Mittel 122 Liter Wasser pro Tag und Pro Person verbraucht, in Italien wird mit 241 Litern fast die doppelte Menge verbraucht.

Die Kombination aus hohem Verbrauch, maroden Leitungsnetzen und einem trockenen Klima in Süd- und Mittel-Italien wird langfristig ein Umdenken erzwingen müssen. Andernfalls werden die Italiener dem Beispiel Spaniens folgen. Vielen Regionen in Spanien sind durch Raubbau an der Ressource Wasser einem Wüstenbildungsprozess ausgesetzt, der kaum noch zu stoppen ist und eine karge und unwirkliche Landschaft zurücklässt.

Natürliche Monopole zu privatisieren kann nur scheitern

Die Privatisierung von natürlichen Monopolen macht aus gesellschaftlicher Sicht nur wenig Sinn. Nicht nur das die Preise deutlich stärker steigen, auch die Instandhaltungs- und Wartungsinvestitionen werden zu Gunsten des Profits gesenkt. Sodass langfristig die Netze an den Staat zurückgegeben werden, der diese dann erneut aufwendig und kostenintensiv instand setzen darf. Langfristig wurden viele ehemals private Versorger rekommunalisiert. Paris hat 2010 die Wasserversorgung von SUEZ und VEOLIA übernommen, Neuseeland übernahm 2002 das ehemals staatliche Eisenbahnnetz vom Unternehmen Tranz Rail.

Warum Politiker dennoch auf die Privatisierung drängen kann nicht wirklich mit rationalem Handeln erklärt werden. Vielleicht ist es Unwissenheit. Mein Eindruck ist jedoch, dass die Lobbyisten einen sehr guten Job machen, denn anders sind die permanenten Versuche, in Europa Infrastrukturen zu privatisieren, nicht zu erklären.


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