Finanz- und Wirtschaftsblog

PIIGS – Krisenmodus und Armut als Dauerzustand

Aktuell scheint ein Großteil der Nachrichten nur noch aus Themen für die bevorstehende Bundestagswahl zu bestehen. So werden Duelle zwischen Kandidaten aufgebauscht und überinterpretiert, bei denen am Ende nicht viel mehr als die Allgemeinplätze und Floskeln der Parteiprogramme runtergeleiert werden. Was oftmals vergessen wird, Deutschland ist zwar eine der größten Wirtschaftsnationen, in Europa aber nur ein Land unter vielen.

So wird übersehen, dass Europa noch immer in einer Krise steckt, deren Probleme nach wie vor nicht gelöst wurden. Die Überschuldung der Staaten, die Wirkungslosigkeit der EZB Geldpolitik, aber auch die Entwicklung der PIIGS-Staaten seit der Krise. Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien waren die Länder, die von der weltweiten Finanzkrise 2007 am stärksten betroffen waren.

Schuldenstand nimmt immer weiter zu

Banken die kollabierten und Staatsschulden die explodierten, ließen die Länder in eine Rezession abrutschen, die durch steigende Zinsen auf den Staatsanleihen und einer oktroyierten Austeritätspolitik noch verschärft wurden. Zwar wurde allenthalben in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass die Länder wieder auf Wachstumskurs wären, real haben sie sich aber noch immer nicht von der Krise erholt.

Bis auf Irland konnte kein Land seine Schulden nachhaltig unter Kontrolle bringen bzw. senken. Irland ist in diesem Quintett sicherlich die Ausnahme, da es seit 2013 in einem Umfang von 15 Milliarden Euro Schulden abbaute. Der gesellschaftspolitische Preis, den Irland dafür zahlen muss, ist aber enorm. Und verglichen mit der Situation vor der Krise, steht Irland nach wie vor völlig überschuldet dar, da es seine Schuldenlast seit 2007 mehr als vervierfacht hat. Von ehemals 47 Milliarden Euro auf aktuell 200 Milliarden Euro.

Dazu kommt, dass durch die stark angestiegenen Schuldenstände mögliche Zinseinsparungen aufgrund des niedrigeren Zinsniveaus aufgebraucht werden. So muss Irland aktuell das Dreifache an Zinsen zahlen, was es vor der Krise aufbringen musste. Griechenland ist mit der Hälfte der Zinszahlungen zwar ein Gegenbeispiel, wenngleich hier die Besonderheiten der Rettungspakete zum Tragen kommen. Sie ermöglichten Griechenland neben dem Schuldenschnitt ein Zinsniveau, das drastisch unter dem Marktniveau liegt. Spanien und Portugal haben ihre Zinslast hingegen verdoppelt.

Investitionsbereitschaft nimmt ab und gefährdet die Zukunft

Dieses Geld fehlt letzten Endes bei Investitionen und der Gesellschaft. Während es für Politiker oftmals ein Leichtes ist, den Sozialstaat zu beschneiden, wird dies bei Zinszahlungen und Schuldendienst nur äußerst ungern getan, wenngleich ein Investment in Staatsanleihen immer auch mit einem wirtschaftlichen Risiko behaftet sein sollte. Durch das fehlende Geld, welches in Form von Zinszahlungen abfließt, sinkt auch die Investitionsbereitschaft.

Bruttoanlageinvestitionen, die den Wert der Anlagen umfassen, die länger als ein Jahr im Produktionsprozess eingesetzt werden, sind deutlich gesunken. In Spanien, Griechenland und Portugal sank dieser Wert sogar um mehr als 50 Prozent zum Vorkrisenniveau. Die sinkende Investitionsbereitschaft, die sehr stark durch das politische und finanzielle Umfeld geprägt ist, wird langfristig dazu führen, dass die Länder immer stärker im internationalen Wettbewerb zurückfallen.

Bruttoanlageinvestitionen der PIIGS
Bruttoanlageinvestitionen der PIIGS

Investitionen in Forschung, moderne Anlagen und die digitale Infrastruktur sind entscheidend für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in der Zukunft. Diese Gelder zugunsten von Schuldendienst und Zinszahlungen aufzugeben, wird sich daher noch rächen. Denn ohne Investitionen kein Wirtschaftswachstum und somit auch keine Jobs, die gute Löhne und hohe Steuern abwerfen.

Menschen müssen Einkommensverluste hinnehmen

So haben bis auf Irland alle Länder nach der Krise Reallohnverluste verkraften müssen. Am härtesten haben es dabei die Griechen und Portugiesen erwischt. Die Griechen haben Reallohnverluste von 23 Prozent hinnehmen müssen und die Portugiesen acht Prozent. Letztere sind somit unter das Ausgangsniveau von 2000 gefallen. Oftmals wird bei diesen Betrachtungen außer Acht gelassen, dass es sich um Durchschnittswerte über alle Einkommensklassen hinweg handelt.

Reallohnentwicklung der PIIGS
Reallohnentwicklung der PIIGS

Von der Krise waren aber vor allem die unteren Einkommensklassen und junge Menschen überproportional stark betroffen. Letztere haben sich, wenn sie eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen haben, dazu entschlossen ihr Heimatland zu verlassen. Ausgerechnet die Menschen, die für den wirtschaftlichen Erfolg und zukünftige Entwicklung von so großer Bedeutung sind, migrieren in Länder, die ihnen eine Zukunft bieten. Dieses Phänomen, welches auch als Brain-Drain bekannt ist, wird die Länder in der zukünftigen Entwicklung hemmen, da die entsprechenden Fachkräfte fehlen.

Auswanderung aus den PIIGS
Auswanderung aus den PIIGS

Ein weiter so kann keine Option sein

Die PIIGS-Staaten haben es bis heute nicht geschafft, sich von den Folgen der Finanzkrise vollständig zu erholen. Viele vegetieren zunehmend vor sich hin, ohne Ausblick auf grundlegende Veränderung. Dabei tragen die Länder sicherlich auch eine Teilschuld an der Misere. So ist die öffentliche Verwaltung in Griechenland und Italien sicherlich kein Paradebeispiel für Effizienz und Redlichkeit. Auch Spanien mit seiner Immobilienblase und Irland mit der hohen Abhängigkeit von Finanzgeschäften und Banken tragen eine Mitschuld an der Misere.

Letzten Endes wird Europa aber nur dann aus der Krise herauskommen, wenn grundlegende Probleme angegangen und behoben werden. Dafür muss aber auch Deutschland anfangen, den Irrweg der Austerität zu verlassen. Wir haben ab 2008 mit den Konjunkturpaketen das genaue Gegenteil von dem gemacht, was wir vom Rest Europas verlangen. Daher sollten wir uns fragen ob wir ein Europa der sozialen Gerechtigkeit und der Menschen wollen oder ob wir weiterhin die Interessen von Kapital und Unternehmen größere Bedeutung zuschreiben.


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