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Mehr als drei Millionen Mehrfachbeschäftigte in Deutschland

In den letzten Tagen machte eine Meldung in Medien und Gazetten übergreifend Schlagzeilen. In Deutschland leben mehr als drei Millionen Mehrfachbeschäftigte, also Menschen, die zusätzlich zu ihrer Beschäftigung einen weiteren Nebenjob nachgehen. Die Grundlage für diese Schlagzeile war eine kleine Anfrage der Linken im Bundestag an die Arbeitsagentur und abhängig der politischen Ausrichtung der Nachrichtenmagazine, wurden die Ergebnisse ganz unterschiedliche interpretiert.

Interpretation hängt vom Blickwinkel ab

Medien, die dem politisch linken Spektrum zuzuordnen sind, interpretierten dies als Beweis für die gescheiterte Arbeitsmarktpolitik der letzten 20 Jahre, da die Menschen, die einen Nebenjob annehmen, dies aus existenziellen und wirtschaftlichen Gründen tun müssen. Die These, die dieser Aussage zugrunde liegt ist, dass die Menschen mit ihrer Hauptarbeit nicht genügend verdienen.

Medien, die wiederum dem liberalen bis konservativem Spektrum zuzuordnen sind und eine sehr wirtschaftsfreundliche und arbeitgebernahe Politik fordern, waren der gegensätzlichen Meinung. Ihre These fußt auf der Annahme, dass die Anzahl der Mehrfachbeschäftigten aufgrund der guten Arbeitsmarktlage gestiegen ist und die Menschen sich finanziell verwirklichen wollen. Es also nicht aus einer Position der Armutsvermeidung zur Ausweitung der Mehrfachbeschäftigung kommt, sondern das Ziel der finanziellen Besserstellung der Hauptantrieb ist.

Individuelle Lebensläufe können Mehrfachbeschäftigungen erklären

Wie so oft, liegt die Wahrheit vermutlich in der Mitte dieser beiden Extreme. Es gibt viele Menschen, die persönliche Fähigkeiten nicht in ihrem Hauptjob verwirklichen können, im Nebenjob aber genau diese Möglichkeit finden. Stellen wir uns eine junge Frau vor, die neben ihrer Haupttätigkeit noch modelt und dafür zusätzlich finanziell entlohnt wird.

Das Gegenteil existiert aber ebenfalls. Menschen, die auf Basis des Mindestlohns nur knapp über dem Hartz IV Niveau liegen, arbeiten in einem Nebenjob, um sich gegen ein Abrutschen in die Armut zu schützen. Keiner der Beiden Beispiele würde durch die Extreme gleichermaßen berücksichtigt, dennoch existieren sie zu Tausenden in dieser Gesellschaft.

Mehrfachbeschäftigung steigt seit 2003 stark an

Und das sich die Anzahl an Mehrfachbeschäftigten in den letzten Jahren erhöht hat, ist zweifelsfrei. Während 2003 der Anteil der Mehrfachbeschäftigten bei 4,4 Prozent lag, hat sich dieser Wert bis März 2017 auf 9,95 Prozent mehr als verdoppelt. Da im gleichen Zeitraum die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ebenfalls anstieg, sind die absoluten Zahlen deutlich stärker gestiegen. Von 1,2 Millionen Menschen im Jahr 2003 stieg die Zahl der Mehrfachbeschäftigten um 167 Prozent auf 3,2 Millionen Menschen in 2017,

Dabei haben Frauen den stärksten Zugang an Mehrfachbeschäftigung zu verzeichnen. Während Frauen 46 Prozent aller Sozialversicherungsbeschäftigten ausmachen, liegt ihre Quote bei der Mehrfachbeschäftigung bei zehn Prozent. Jede zehnte Frau geht somit einer zweiten Beschäftigung nach. Bei den Männern ist es hingegen nur jeder vierzehnte.

Mehrfachbeschäftigte
Mehrfachbeschäftigte

Von den 3,2 Millionen Mehrfachbeschäftigten machen die Menschen, die mindestens eine zusätzliche geringfügige Beschäftigung (Minijob) nachgehen, 84 Prozent aus. Dadurch, dass geringfügige Beschäftigungen nicht versicherungspflichtig sind, können Mehrfachbeschäftigte somit ihr Bruttogehalt einfacher aufbessern und sich Abgaben sparen.

Der Anteil von Mehrfachbeschäftigten, die zwei sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen nachgehen liegt bei 9,8 Prozent. Den geringsten Anteil haben Beschäftigte, die zwei geringfügige Beschäftigungsverhältnisse gleichzeitig besitzen, sie machen 8,2 Prozent aus. Das Problem ist, dass sich aus diesen Daten noch keine endgültige Schlussfolgerung ergeben, ob die Menschen mit Mehrfachbeschäftigung sich eher vor Armut schützen wollen oder ob sie eine finanzielle Besserstellung erzielen wollen.

Geringere Entlohnung erhöht die Wahrscheinlichkeit der Mehrfachbeschäftigung

Aber Indizien lassen sich aus den Daten der Berufsgruppen mit den höchsten Mehrfachbeschäftigungsquoten ableiten. Es stechen besonders die Berufsgruppen hervor, in denen geringe Löhne und Gehälter bezahlt werden. Somit lässt sich zumindest vermuten, dass mehrheitlich die Menschen in den unteren Einkommensschichten eine weitere Nebentätigkeit annehmen. Diese Entwicklung ist kritisch zu sehen, da durch die erhöhte Arbeitsbelastung und die geringere Freizeit der Menschen auch gesamtgesellschaftliche Problematiken im Bereich der Gesundheit auftreten können.

MFB-Quote
MFB-Quote

Es gibt eine relevante Menge an Menschen, die die Mehrfachbeschäftigung dazu nutzen, ihr Einkommen durch einen Minijob weiter aufzubessern. Nicht aus Angst vor Armut, sondern für das Erzielen weiterer Einnahmen um einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Viele davon auch mit Fähigkeiten, die in ihrem Hauptberuf nicht gefragt sind und so eine Art zweites Standbein aufbauen. Diese Menschen stellen dennoch bezogen auf die Gesamtsituation eine Minderheit dar.

Mehrheit gehen unfreiwillig einer Mehrfachbeschäftigung nach

Die Mehrheit der Menschen, die eine Mehrfachbeschäftigung verfolgen, sind dazu oftmals gezwungen, um sich vor dem Abrutschen in die Armutsfalle zu schützen. Dies wird insbesondere deutlich, wenn man sich die Berufsgruppen anschaut, die mehrheitlich zu den schlechter bezahlten in diesem Land zählen. Somit gehen diese Menschen nicht freiwillig einer weiteren Beschäftigung nach, sondern gezwungenermaßen.

Ein Trend, der sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland, aber auch in Europa, verstärkt hat und an dessen Umkehr anscheinend keine große Partei wirklich Interesse hat. Im Gegenteil, mit dem Ausbau von prekären Beschäftigungsverhältnissen und der Stagnation von Löhnen, wurde der Trend eher noch verschärft.


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