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Grundsicherung – Zu arm zum Leben und zu reich zum Sterben

Seit Jahren steigt die Armutsgefährdung in Deutschland. Allein im Jahr 2017 sind 15,7 Prozent der Deutschen von Armut betroffen, was in absoluten Zahlen 12,9 Millionen Menschen bedeutet. Menschen, für die das alltägliche Leben aus Entbehrungen und Verzicht besteht. Eine Gruppe, die in dieser Entwicklung besonders hervorsticht, sind Menschen jenseits der 65 Jahre.

Rentner am stärksten von Armut betroffen

Diese Gruppe hat in den letzten Jahren einen Zuwachs in der Armutsgefährdung von 49 Prozent erlebt und stellt damit den traurigen Rekord in dieser Statistik auf. Das Phänomen, was oftmals unter Altersarmut zusammengefasst wird, bedeutet für diese Menschen, dass sie nach Jahrzehnten der Arbeit und Kindererziehung von ihrer Rente nicht überleben können. Sie müssen trotz verdientem Ruhestand weiter arbeiten, in Einrichtungen der Tafel speisen und Grundsicherung beantragen.

So hat sich die Anzahl der Bezieher von Grundsicherung seit 2003 auf über eine Million mehr als verdoppelt. Dabei machen die Menschen, die älter als 65 Jahre sind, mehr als die Hälfte dieses Personenkreises aus. Langfristig ist hier auch keine Abnahme zu erwarten, wenn es nicht fundamentale Änderungen bei der Rente gibt. Im Gegenteil, durch die „Reformen“ der letzten Jahre ist damit zu rechnen, dass immer mehr Menschen auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sind.

Trotz langem Arbeitsleben nur Grundsicherung

Durch die Arbeitsmarktreformen seit 2003 und das Absinken des Rentenniveaus verdienen immer mehr Menschen zu wenig Geld. Im Jahr 2015 verdiente mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer weniger als 2550 Euro, was sie zukünftig unter das aktuelle Niveau der Grundsicherung rutschen lässt. 19 Millionen Menschen zusätzlich, die trotz Arbeit arm sind. Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind Menschen, die in atypischen Beschäftigungsverhältnissen oder nur Teilzeit arbeiten.

Darüber hinaus rutschten in den letzten Jahren vermehrt Männer in die Grundsicherung ab. Ihr Anteil, der im Jahr 2003 noch bei 40 Prozent aller Bezugspersonen lag, ist inzwischen auf 49 Prozent angestiegen. Da sowohl bei Frauen als auch bei Männern die absoluten Zahlen ansteigen, wird hier deutlich, dass die Armutsgefährdung für Männer deutlich zugenommen hat.

Die Entwicklung ist nicht wirklich überraschend. Die Umwandlung der Arbeitsplätze von Vollzeit in Teilzeit betrifft vorzugsweise Männer, die prozentual den größeren Anteil an diesen Arbeitsplätzen besaßen. Gesamtgesellschaftlich ist diese Entwicklung nicht zu begrüßen, da sie zukünftig die Sozialsysteme und auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt erodieren lässt.

Armut erzeugt hohe wirtschaftliche Risiken und Spannungen in der Gesellschaft

Langfristig werden uns die Hartz IV Gesetze noch um die Ohren fliegen, denn je mehr Gesellschaftsschichten in die Armut abrutschen, desto weniger können diese Menschen zur Stärkung der Binnenkonjunktur beitragen. Dies führt nicht nur zu einer Konzentration auf die Exportmärkte, Deutschland wird für globale wirtschaftliche Schwankungen extrem anfällig.

Bricht die Weltwirtschaft ein, wird die Exportorientierung zum Bumerang, da die Nachfrage des Auslands wegbricht und der Binnenkonsum die Verluste nicht auffangen kann. Die Folgen werden in einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit beobachtet werden können und massive Einbrüchen in den Staatshaushalten nach sich ziehen.

Daher wäre es angebracht, wenn die mögliche Jamaika-Koalition ihr Mantra des Exportweltmeisters aufgibt und die Versorgung der Menschen in diesem Land ins Auge fasst. Menschen, die in ihrem Leben viel geleistet haben, sollten in Würde ihren Lebensabend genießen dürfen und die Möglichkeit dafür besteht. Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz zeigen uns die Wirksamkeit eines solidarischen Rentensystems, in das alle einzahlen.


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