Finanz- und Wirtschaftsblog

Folgen der Austerität in Griechenland: Kein Geld für Strom und Heizung

In Griechenland herrscht seit zehn Jahren die Austerität und hat ein Land, das als Wiege der europäischen Demokratie gilt, in den gesellschaftlichen Ruin getrieben. Die Folgen der Austerität: Junge Menschen verlassen in Scharen das Land, um sich ein besseres Leben außerhalb ihrer Heimat aufzubauen. Das Gesundheitswesen wurde so stark zusammengestrichen, dass an allen Ecken und Enden Personal, Ausrüstung und Medikamente für die Versorgung der Menschen fehlt. Und immer mehr private Haushalte verfügen über keine ausreichenden Einkommen, um ihre Stromrechnungen zu bezahlen oder ihre Wohnungen und Häuser adäquat zu heizen.

Unbezahlte Rechnungen folgt die Kappung des Stromanschlusses

Für viele Haushalte hat dies zu Folge, dass der Stromversorger PPC ihnen immer häufiger den Strom abklemmt, wenn ausstehende Zahlungen nicht beglichen werden können. Wohn- und Kinderzimmer bleiben dunkel, Küche und Bad kalt. 2017 waren in Griechenland 14 Prozent der Kunden in Zahlungsschwierigkeiten und ließen beim Versorger PPC Schulden in einem Umfang von 2,6 Milliarden Euro auflaufen. Da die Zeiträume, in denen die Menschen nicht mehr an das öffentliche Stromnetz angeschlossen sind, immer länger werden, greifen sie teilweise zu illegalen Lösungen.

Eine nicht genehmigte Wiederherstellung der Anbindung an das Stromnetz kann zwar drastische Strafen nach sich ziehen, aber was wäre die Alternative? Wochen und Monate in einem Zustand längst vergangener Zeit zu leben und immer weitere Entbehrungen auf sich zu nehmen, für eine Situation, die die einfachen Menschen in der Gesellschaft nicht zu verantworten haben? Für die PPC wiederum bedeutet dieser Stromdiebstahl zunehmende Mehrkosten in Höhe von 500-600 Millionen Euro pro Jahr , die wiederum von den anderen Kunden getragen werden müssen.

Viele Menschen können aufgrund der schlechten Wirtschaftslage, in der gut bezahlte Arbeitsplätze Mangelware sind, die Stromrechnungen einfach nicht mehr bedienen. Und neben begrenztem Budget, sinkenden Löhnen und unsicheren Arbeitsplätzen kommt eine weitere Entwicklung hinzu: Seit dem Jahr 2000 haben die Kosten für Wasser, Gas und Elektrizität um 73 Prozent, in der Spitze sogar um 98 Prozent, zugelegt. Einzig der aktuell niedrige Ölpreis dämpft die Preisentwicklung etwas. Zu den Kosten des Stroms kommen noch weitere Abrechnungsposten, die über die Stromrechnung eingezogen werden und so die monatliche Belastung erhöhen. Zum reinen Stromverbrauch gesellen sich noch die Kosten für Netze und Transport, Umlage für erneuerbare Energieträger, Verbrauchs- und Mehrwertsteuer, Gemeindesteuern aber auch der Rundfunkbeitrag für das griechische Staatsfernsehen kommt oben drauf. Diese zusätzlichen Abgaben können bis zu 50 Prozent der Gesamtsumme ausmachen.

Einzelbestandteile Inflation Griechenland
Einzelbestandteile Inflation Griechenland

30 Prozent der Griechen ohne ausreichende Wärmeversorgung

Somit können sich schnell mehrere hundert Euro an Schulden anhäufen, deren Tilgung für viele Menschen utopisch ist. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass in der kalten Jahreszeit die Kosten für die Heizung ein ähnlich großes Loch in die Haushaltskassen reißen. Inzwischen sind die Preise für Heizöl durch Sonderabgaben und Besteuerung so stark erhöht worden, dass viele Haushalte es sich schlicht nicht mehr leisten können, die eigenen vier Räume ausreichend zu erwärmen. Der Anteil der Menschen, die in der Winterzeit dieser Gefahr ausgesetzt sind, beträgt fast 30 Prozent der gesamten griechischen Bevölkerung und bringt im europäischen Vergleich den dritten Platz ein. Hinter Bulgarien und Litauen.

Opfer der Austeritätspolitik sind dabei aber nicht nur die Menschen, deren Einkommen nicht für die Kosten einer warme Wohnung reichen, sondern auch die Umwelt und die Gesundheit der Mitmenschen. Weil sich viele die hohen Kosten für Heizöl nicht mehr leisten können, verbrennen sie alles an Holz, was sie finden können. Behandelt, unbehandelt aber auch lackierte Holzreste werden für eine warme Wohnung im Ofen verfeuert. Dadurch steigt die Feinstaubbelastung und kann sich in Form von Smog, bei ungünstigen Wettelagen, wie eine Dunstglocke über die Städte und ihre Bewohner legen. Unter der verschmutzten Luft haben dann insbesondere ältere Menschen, Kinder und Kranke zu leiden, die oftmals sogar durch die kalten und vom Strom abgeklempten Wohnungen doppelt bestraft werden.

Die Austerität ist gescheitert, ein Ende ist aber nicht in Sicht

Die Folgen der Austerität in Griechenland werden immer offensichtlicher und treffen mehrheitlich die einfachen Menschen. Was hat diese Art des Wirtschaftens gebracht außer Elend, Armut und die Zerstörung einer kompletten Wirtschaft und Gesellschaft? Die Bürgschaften und Kredite, mit denen unter anderem auch deutsche und französische Banken gerettet wurden, werden wir niemals wiedersehen. Sie sind verloren, nur will sich das aktuell niemand eingestehen. Griechenland wird aber unter der anhaltenden Austerität sich nicht erholen, zwar kann die Austerität eine gegenwärtige Haushaltskonsolidierung erreichen, aber zu dem Preis der verkauften Zukunft. Die Menschen werden immer verzweifelter, denn sie haben weder Strom noch eine warme Wohnung.

Und was verzweifelte Menschen verursachen können, das haben wir in unserer eigenen deutschen Geschichte gesehen. Verzweifelte Menschen tendieren dazu, sich Populisten zuzuwenden, weil sie keine Hoffnung haben. Das Erstarken von populistischen Parteien in Europa ist daher kein Zufall, es ist die logische Konsequenz, dass Millionen von Menschen vom Wohlstand der Gesellschaft abgehängt wurden. Wenn die Demokratie und die westlichen Werte mehr sind als bloße Worthülsen, die je nach Gusto ausgelegt werden können, dann müssen auch die Armen wieder am Wohlstand partizipieren. Sollte dies nicht gelingen, dann werden die gesellschaftlichen Spannungen in den Ländern der Europäischen Union das Ende ebendieser bedeuten.


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