Finanz- und Wirtschaftsblog

Erosion der Mittelschicht durch Einkommensungleichheit

Wenn ältere Menschen in diesem Land davon sprechen, dass Vieles in der Vergangenheit besser war, dann erzeugen sie bei ihren Mitmenschen oftmals ein müdes Lächeln. Immerhin leben wir in aufregenden Zeiten, mit technologischen und wissenschaftlichen Fortschritten, von denen viele vor 20 Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten.

Dennoch liegt in dem Eindruck dieser Menschen ein Fünkchen Wahrheit. Während die großen Volksparteien versuchten einen Wahlkampf mit Platituden und Allgemeinplätzen zu führen, hatten die Menschen in diesem Land andere Sorgen. Die Angst vor sozialem Abstieg, die Ungewissheit über die zukünftige Tragfähigkeit des Rentensystems und die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, auf dem es nicht genug Arbeit für alle gibt.

Parteien erhalten Denkzettel für verfehlte Politik

Die Quittung für die völlig verfehlte Politik der letzten Jahrzehnte kam dann auch postwendend: Die große Koalition wurde massiv abgestraft! Ob die Politiker wirklich Lehren aus den Ergebnissen gezogen haben, kann dennoch bezweifelt werden. Anstatt eine soziale Zukunftspolitik anzustreben, wird kopflos und hektisch versucht, die „rechte Flanke“, wie es Seehofer beschrieb, zu schließen.

Diese muss aber nicht geschlossen werden, da große Teile der AfD-Wähler die Partei nicht aus Überzeugung gewählt haben um ihren Fremdenhass auszudrücken, sondern um ihren Protest gegenüber den aktuellen Verhältnissen Ausdruck zu verleihen. Einem Protest, der ein Ende des Sozialabbaus und der Einkommensungleichheit fordert, welche Mitte der 90er Jahre einsetzten und ihren Höhepunkt in den Hartz IV Gesetzen unter Schröder fanden.

Ende des kalten Krieges förderte in Deutschland den Sozialabbau

Denn bis zur Wiedervereinigung war Deutschland für seine geringe Einkommensungleichheit bekannt und galt als Bollwerk gegen den Kommunismus, der sich im Osten vor allem durch Verzicht und Entbehrungen ausdrückte. Die Menschen partizipierten am wirtschaftlichen Wohlstand und die Löhne hielten mit den Produktivitätszuwächsen Schritt. Zu dieser Zeit waren auch Konstruktionen, wie Leiharbeit, Minijobs oder befristete Anstellungen eher die Ausnahme und nicht die Regel.

Mit der Auflösung der Sowjetunion und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde nicht nur der Kalte Krieg überwunden, auch siegte der Kapitalismus über die Planwirtschaft. Die Problematik, die sich aus dem Wegbrechen eines korrektiven Gegenpols ergab, konnte dann in Deutschland wunderbar beobachtet werden. Während zuvor Wirtschaft und Politik ein Interesse daran hatten, Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg partizipieren zu lassen, um die moralische und wirtschaftliche Überlegenheit des Kapitalismus zu propagieren, war dies nun nicht mehr notwendig.

Die Plünderung Ostdeutschlands

Und so wurde die Wiedervereinigung Schauplatz des zügellosen Kapitalismus, der sich heute weltweit ausgebreitet hat und mit der negativen Bezeichnung des Neoliberalismus behaftet ist. So schuf die Kohl-Regierung die Treuhand, die bis heute in den neuen Bundesländern verhasst ist. Sie war für die Privatisierung und Abwicklung ehemaliger Staatsbetriebe der DDR zuständig, zeichnete sich aber vor allem dadurch aus, dass Betriebe durch westdeutsche Konkurrenten zu einem Spottpreis aufgekauft wurden, um im Anschluss dicht gemacht zu werden.

Der sich daraus ergebende Wirtschaftsschock und der Zusammenbruch der ostdeutsche Wirtschaft wurde aber nicht auf die skandalöse Abwicklung und das starre Tauschverhältnis von Ostmark zur D-Mark zurückgeführt, sondern auf die zu geringe Einkommensungleichheit und die üppigen Sozialleistungen. So wandte sich Deutschland vom Vorbild der sozialen Marktwirtschaft ab und der angelsächsischen Theorie des Neoliberalismus mit dem schlanken Staat, dem freien Markt und der erhöhten Eigenverantwortung zu.

Untere Einkommen mit massiven Reallohn-Einbußen

Als Resultat können wir heute den größten Niedriglohnsektor in Europa betrachten, mit einem riesigen Reservoir an Niedriglöhnern. Dabei setzte die Entwicklung mit der Wiedervereinigung nicht sofort ein, denn zwischen 1992 und 1994 waren vor allem die starken Anstiege der ostdeutschen Löhne ein Bremsfaktor für eine Einkommensungleichheit. So stiegen die Löhne von 54 auf 70 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Erst danach, wurde das Tempo drastisch reduziert, sodass bis 2012 nur sieben Prozent Zuwachs verzeichnet werden konnte. Eine Zeit, in der die Einkommensungleichheit in ganz Deutschland, aber vor allem in Ostdeutschland, massiv zunahm.

Produktivität und Löhne
Produktivität und Löhne

Besonders davon betroffen waren das untere Dezil der Einkommen, das zwischen 1998 und 2008 mehr als 20 Prozent an Lohneinbußen hinnehmen musste und sich auf dem Stand von 1984 befand. Bis 2015 konnte es dann wieder einen Zuwachs von neun Prozent erzielen. Betrachtet man den gesamten Zeitraum, so haben die unteren zehn Prozent der Einkommen über 30 Jahre hinweg, einen realen Lohnzuwachs von neun Prozent erzielt und das in einem der angeblich reichsten Länder der Welt.

Mittelschicht erodiert zunehmend

Aber auch die anderen Einkommensschichten haben sich signifikant geändert. Während vor der Wiedervereinigung Einkommen mit weniger als 80 Prozent des Median etwa 25 Prozent ausmachten, stieg dieser Wert auf über 33 Prozent in 2015 an. Aber auch die hohen Einkommen mit über 120 Prozent des Median stiegen in dieser Zeit von knapp 31 Prozent auf über 36 Prozent an. Da die oberen und unteren Einkommen zunahmen, müssen logischerweise die mittleren Einkommen abnehmen. Diese sanken von 44 Prozent in 1990 auf 30 Prozent in 2015.

Einkommensverteilung Deutschland
Einkommensverteilung Deutschland

Die Einkommen in Deutschland driften somit immer weiter auseinander, was nicht nur soziales Sprengpotenzial besitzt, sondern auch wirtschaftliche Konsequenzen hat. Deutschland muss eine immer stärkere Exportorientierung nachgehen, da der Binnenkonsum durch die hohe Zahl an Geringverdienern abnimmt. Dazu kommen aber auch politische Verwerfungen, wie wir es mit dem Einzug der AfD gesehen haben. Die Menschen sind unzufrieden, nicht weil sie diffuse Ängste haben, sondern sehr konkrete Sorgen vor einem sozialen Abstieg.

Diese Ängste müssen die Politiker ernst nehmen und gegensteuern, denn eines ist auch klar: Aktuell befinden wir uns in einer Situation, in der durch die günstigen Konditionen bei der Verschuldung viele Probleme verdeckt werden. Steigen die Zinsen signifikant an und gerät der Staatshaushalt wieder in eine Schieflage, dann sind Politiker sehr schnell dabei, soziale Kürzungen durchzusetzen und die Einkommensungleichheit wieder zu beschleunigen. Was letzten Endes Wasser auf die Mühlen der Populisten sind, die dann erneut gegen Flüchtlinge hetzen und so einen Sündenbock schaffen.

Quelle: Gerhard Bosch und Thorsten Kalina: Wachsende Ungleichheit in der Prosperität Einkommensentwicklung 1984 bis 2015 in Deutschland


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