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Erdogan – Totengräber der türkischen Wirtschaft

Die erneute Festnahme von deutschen Staatsbürgern in der Türkei verstärkt zunehmend das Bild einer paranoiden Diktatur. Demokratische Prinzipien, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Persönlichkeitsrechte werden im Streben nach Alleinherrschaft kurzerhand weggefegt.

Nur wirken sich die Tendenzen zur Beseitigung der zivilisatorischen Errungenschaften auch zunehmend auf die Wirtschaft aus. So wurde der Rabia-Gruß – vier gestreckte Finger mit eingeknicktem Daumen – von Erdogan, inzwischen satirisch für die inflationäre Entwicklung der türkischen Lira genutzt.

Massive Abwertung der türkischen Lira

Diese hat seit 2007 gegenüber dem Euro um über 120 Prozent abgewertet und steht aktuell bei 4,10 Türkische Lira für einen Euro. Und bei den aktuellen Entwicklungen scheint auch kein Ende der Abwertung in Sicht zu sein.

Dies führt dazu, dass europäische Produkte für die Türken sich zunehmend verteuern. Dabei wäre eine leichte Abwertung an sich nicht schlimm, da Exporte günstiger werden und die Wirtschaft ankurbeln können. Eine ähnliche Strategie fuhren in der Vergangenheit auch vieleMittelmeerstaaten, bevor der Euro eingeführt wurde.

Für die Türkei wird die zunehmende Abwertung aber zu einer Gefahr, da sie zu großen Teilen Hochtechnologie importieren müssen. Also Produkte, bei denen Anbieter die Preise nahezu beliebig setzen können. Dem stehen Nahrungsmitteln, Textilien und in einem geringen Maße KFZ-Teile als Exportgüter gegenüber. Produkte die starken Preisschwankungen unterliegen können, aber auch durch andere Länder geliefert werden.

Rohstoffabhängigkeit treibt die Inflation an

Der starken Importabhängigkeit gegenüber rohstoffreichen Ländern wie Russland, Iran oder Katar macht die Lage auch nicht besser. Durch die Abwertung der Lira zum Dollar verteuern sich die Preise für Rohstoffe wie Gas und Öl, die fast 60 Prozent des Primärenergieverbrauchs darstellen. In Zahlen bedeutet das 50 Milliarden Dollar pro Jahr, die für Importe von Energierohstoffen notwendig sind.

Durch die gestiegenen Preise für Importe wird in der Türkei die Inflation befeuert. Gegenüber dem Jahr 2007 haben sich Waren und Dienstleistung um 84 Prozent verteuert. Da dies vor allem die ärmeren Gesellschaftsschichten trifft, ist es fraglich, wie lange diese still halten. Die permanente Beschwörung eines äußeren, imaginären Feindes wird nicht ewig funktionieren.

Der Wachstumsmotor fängt an zu stottern

Auch das ungebrochene Wachstum in den letzten Jahren lahmt zunehmend. Das BIP ist seit 2013 um 16,5 Prozent gesunken und die offizielle Arbeitslosigkeit beträgt aktuell 11,5 Prozent, ohne die Subsistenzwirtschaft zu berücksichtigen. Auch die Investitionsbereitschaft ausländischer Firmen bricht zunehmend ein. Deutsche und europäische Konzerne sollen auf schwarzen Listen stehen, die sogenannte Terrorunterstützer enthalten.

Touristen bleiben aus und Hotelbetten bleiben leer

Ein Sektor, der durch die aktuelle Politik in der Türkei am stärksten betroffen ist, ist die Tourismuswirtschaft, die 13 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmacht. Diese ist nach zahlreichen Anschlägen in der Türkei, aber auch durch willkürliche Verhaftungen deutscher und europäischer Staatsbürger massiv eingebrochen.

Verglichen mit 2014, sind im Jahr 2016 ein Drittel weniger Touristen in die Türkei gereist. In absoluten Zahlen sind das 11,5 Millionen Menschen. Die Auswirkungen die damit einhergehen, sind massiv. Hotels stehen leer, Restaurants haben kaum noch Kundschaft, Märkte verwaisen und Ausflüge werden nicht gebucht. Und aktuell sieht es nicht nach Besserung aus, denn für 2017 sinken die Zahlen weiter.

Erdogan ist das Problem, nicht die Lösung

Früher oder später werden die Menschen in der Türkei merken, dass die Weltverschwörung gegen die Türkei nicht existiert. Die AKP unter Erdogan hat die aktuelle wirtschaftliche Lage vollständig zu verantworten. Die Abkehr von der Rechtsstaatlichkeit, hin zu einem Willkür- und Gesinnungsstrafrecht, wird auf absehbare Zeit Unternehmen vor Investitionen zurückschrecken lassen.

Die Gefahr von Festnahmen und Anschlägen wird den Tourismus weiter brach liegen lassen und türkische Kleinunternehmer und Hoteliers an den Rand der Existenzfähigkeit drängen. Aber vielleicht muss genau das geschehen, damit die Menschen verstehen, dass Religion niemanden satt macht. Das korrupte Politiker nicht im Sinne des Volkes handeln und die Diffamierung und Stigmatisierung Andersdenkender Menschen in liberalen und demokratischen Gesellschaften keinen Platz hat.

Die Türkei war auf einem guten Weg. Nun stürzt die Machtbesessenheit und Ideologie eines Diktators ein Land und seine Menschen in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin. Man kann nur hoffen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und interne Verwerfungen einer Diktatur sich nicht in einem Krieg entladen.


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