Finanz- und Wirtschaftsblog

Den hohen Preis, den Deutschland als Exportweltmeister zahlt

Deutschland gehört zu den bedeutendsten Wirtschaftsnationen der Welt und besitzt einen erheblichen Einfluss in vielen internationalen Gremien und Institutionen. Darüber hinaus gilt es seit Jahrzehnten als einer der stärksten Exportwirtschaften, die in aller Regelmäßigkeit den zweifelhaften Titel des Exportweltmeisters erhält.

Denn was allzu oft verschwiegen wird, ist der hohe Preis, den die Menschen in diesem Land, aber auch in Europa und dem Rest der Welt dafür aufbringen müssen. Allein 2016 verkauften deutsche Unternehmen Waren und Dienstleistungen in einem Wert von 1,2 Billionen Euro ins Ausland und waren für ein Viertel aller Arbeitsplätze verantwortlich. Dem standen Importe von 950 Milliarden Euro gegenüber, sodass Deutschland einen ordentlichen Exportüberschuss von 250 Milliarden verbuchen konnte.

Starke Ausweitung der Exportüberschüsse ab dem Jahr 2000

Historisch gesehen, war Deutschland zwar immer ein Exportland, nur waren die Überschüsse nie so stark ausgeprägt, wie wir es aktuell beobachten. Zwischen 1990 und 2000 wuchsen die Exportüberschüsse im Durchschnitt um 0,7 Prozent pro Jahr. In der darauf folgenden Dekade von 2000 bis 2010 explodierten die Wachstumsraten förmlich auf 16 Prozent pro Jahr und halbierten sich auf acht Prozent im Zeitraum zwischen 2010 und 2016.

Auch wenn in Deutschland die Exportüberschüsse wie der Gewinn einer Meisterschaft gefeiert werden, haben sie für den internationalen Warenaustausch durchaus negative Auswirkungen. Da der internationale Handel ein Nullsummenspiel ist, muss einem Exportüberschuss (aktive Zahlungsbilanz) immer ein Importdefizit (passive Zahlungsbilanz) gegenüberstehen.

Exporte brachten erst Gold, dann Devisen

Um diese Ungleichgewichte in der Zahlungsbilanz aufzulösen, wurde in der Zeit des Bretton-Woods-Systems Gold von den Ländern mit Importdefiziten an Länder mit Exportüberschüssen überschrieben. Daher auch die großen Goldreserven von Deutschland, die vor allem aus dieser Zeit stammen. Mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Systems und der freien Konvertierbarkeit zwischen den einzelnen Landeswährungen fiel dieses Ausgleichsinstrument weg und die Abwertung bzw. Aufwertung von Währungen begann.

Eine starke Währung wie die Deutsche Markt hätte nach diesem System eigentlich dazu führen müssen, dass die Exporte sinken, denn aus Sicht der Länder mit schwacher Währung waren unsere Produkte relativ teuer. Umgekehrt stärkt eine starke Währung den Import, da ausländische Waren günstiger sind. Mit der Einführung des Euros wurde dieses Instrument zumindest für einen Teil der europäischen Länder aufgegeben und Wirtschaften mit völlig unterschiedlichen Entwicklungsständen wurden unter einer Währung zusammengepfercht.

Euro und Hartz IV verschärfen die Ungleichgewichte

Und der größte Profiteur davon war Deutschland. Auf einmal konnten Länder wie Italien, Frankreich, Spanien oder Griechenland ihre Währungen nicht mehr abwerten und mussten direkt und unmittelbar mit Deutschland konkurrieren. Dazu kam, dass Deutschland unter Führung der SPD nicht nur von der Aufhebung sämtlicher Handelshemmnisse profitierte, sondern eine Arbeitsmarktreform durchsetzte, die bis heute eine einschneidende Zäsur darstellt.

Mit den Hartz IV Reformen erhöhte die SPD den Druck auf die seit Ende der 90er stagnierenden Lohnstückkosten und verschaffte den Unternehmen somit einen Wettbewerbsvorteil. Während in den anderen Ländern der EU die Löhne und somit auch die Lohnstückkosten entsprechend dem Inflationsziel der EZB anstiegen, wurde in Deutschland ein riesiges Reservoir an Niedriglöhnern geschaffen, deren Arbeitspotenzial genutzt wurde um sich auf den internationalen Märkten und insbesondere in Europa zu behaupten. Und da Europa Ziel von knapp zwei Drittel aller Exporte ist, macht es aus der Sicht Deutschlands durchaus Sinn, diesen Vorteil zu konservieren.

In diesem Zusammenhang wird dann gerne vorgebracht, dass Deutschland vor allem durch seine emsigen Arbeiter und die hohe Produktivität diese Stellung erreicht hat. Hierzu ist nur zu sagen, dass Deutschland im Mittelfeld der Produktivitätsentwicklung liegt. Länder wie die Niederlande, Großbritannien, China oder die USA haben in der gleichen Zeit größere Sprünge erzielt. Nur haben sie diese Produktivitätssteigerungen eben auch in höhere Löhne investiert und weniger in die Unternehmensgewinne.

Somit sind die beiden Hauptgründe, warum Deutschland Exportweltmeister ist, nicht in der überragenden Qualität der Produkte zu suchen, sondern in dem fest verschnürten Währungskorsett des Euros und im unfairen Lohndumping Deutschlands. Langfristig kann diese einseitige Ausrichtung auf den Export aber nicht funktionieren, da Deutschland extrem anfällig für Finanz- und Wirtschaftskrisen wird. Dazu kommt, dass die schwache Binnenkonjunktur es heimischen Unternehmen erschwert, angemessen zu investieren.

Der Preis für den Titel: Währungskrise und Lohndumping

Das Niedriglohnmodell Deutschland und die exzessive Ausrichtung auf den Export werden zu Recht von vielen Ökonomen kritisiert. Langfristig erzwingt das deutsche Modell der Ausbeutung von Arbeitern in Europa eine Spirale des Unterbietens in Sozialstandards und Arbeitnehmerentgelten. Das kann und sollte nicht unser Ziel sein, insbesondere vor dem Hintergrund der langfristigen und strategischen Ausrichtung. Schon heute sehen wir viele Menschen in Altersarmut abrutschen oder Menschen die von Hartz IV weder sich, geschweige denn eine Familie, ernähren können.

All diese Menschen erhöhen die Kosten für die Sozialsysteme, welche immer stärker beschnitten werden und irgendwann kollabieren. Aber Herr Schulz spricht in seinem Wahlkampf von mehr Gerechtigkeit und Frau Merkel von einem Land in dem man gut und gerne leben kann. Da muss man schon die Frage stellen, in welchen Realitäten diese Menschen leben, wenn ein ganzes Land bzw. ein ganzer Kontinent in sozialen Problemen versinkt und man den Menschen nur belanglose Allgemeinplätze entgegenwirft.


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