Finanz- und Wirtschaftsblog

Arbeitsvolumen – Zu wenig Arbeit für zu viele Menschen

Während Frau Merkel im Wahlkampf die blendende Situation am deutschen Arbeitsmarkt propagiert und die publizierte Arbeitslosenquote als Erfolg verbucht, wird eine entscheidende Kennzahl des Arbeitsmarktes völlig außer Acht gelassen – Das Arbeitsvolumen.

Das Arbeitsvolumen, das ein detailliertes Bild über die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen liefert, fristet zunehmend ein Nischendasein. Wenngleich es eine Vielzahl aktueller Fehlentwicklungen, wie die Zunahme der Teilzeitarbeit und der atypischen Beschäftigungsverhältnisse, offenlegt.

Arbeitsvolumen sinkt, Zahl der Erwerbstätigen steigt

Während die Arbeitslosenquote durch politische und statistische Einflussnahme optimiert werden konnte, ist dies beim Arbeitsvolumen nicht möglich. Gegenüber 1991 sank das Arbeitsvolumen um zwei Prozent und einem absoluten Umfang von einer Milliarde Arbeitsstunden. In der Spitze konnte im Jahr 2005 sogar eine Abnahme um acht Prozent gegenüber 1991 beobachtet werden.

Das bedeutet, dass der Umfang an benötigter Arbeit für die Herstellung von Produkten insgesamt abgenommen hat. In einer Gesellschaft, in der die Produktivität zunimmt und die Menschen für die Herstellung mit der Zeit immer weniger Arbeitsstunden benötigen, ist dies nicht überraschend.

Überraschend ist hingegen, dass trotz sinkendem Arbeitsvolumen die Anzahl an Erwerbstätigen zunimmt. So sind seit 1991 fast fünf Millionen Erwerbstätige in den Arbeitsmarkt gedrängt, die nun um die knappe Ressource Arbeit konkurrieren und den Druck auf Arbeitsplätze, Löhne und Gehälter erhöhen.

Deutschland - Arbeitsvolumen
Deutschland – Arbeitsvolumen

Abbau von Vollzeitstellen zugunsten von Teilzeitstellen

Als Folge daraus wurden Vollzeitstellen in Teilzeitstellen und atypische Beschäftigungsverhältnisse aufgespalten und die Betroffenen Menschen hangeln sich von einem Strohhalm zum anderen. Im gleichen Zug erhöht sich die Spannung innerhalb der Gesellschaft, die sich zunehmend in arm und reich spaltet. Während die reichsten zehn Prozent mehr als 50 Prozent des Besitzes auf sich vereinen, besitzen die unteren 50 Prozent fast nichts oder sind verschuldet.

Seit 1991 haben wir in Deutschland zwei Millionen Vollzeitarbeitsstellen verloren, während sich die Teilzeitstellen von fünf auf über zehn Millionen verdoppelt haben. Somit haben wir gut bezahlte Jobs aufgegeben und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gefördert, die uns langfristig noch teuer zu stehen kommen. Nicht nur, dass wir gut qualifizierte Menschen in Armut verkümmern lassen, diese Menschen können kaum für die Zukunft vorsorgen, sodass Kosten für die Sozialkassen im Alter explodieren werden.

Deutschland - Voll- und Teilzeitstellen
Deutschland – Voll- und Teilzeitstellen

Ist Europa das bessere Vorbild für Deutschland

Und Deutschland nimmt in dieser Fehlentwicklung durchaus eine Vorreiterrolle ein, die in Europa doch relativ einmalig ist. Zwar wurden in allen Ländern Kapazitäten an Teilzeitstellen aufgebaut, sie folgten bis 2008 aber den Vollzeitstellen. Somit wurden keine Vollzeitstellen aufgegeben und umgewandelt, sondern zusätzlich zu den Vollzeitstellen entstanden auch Teilzeitstellen.

Ausnahme davon bildet Italien, welches gegenüber 1991 – wie Deutschland -zwei Millionen Vollzeitstellen verlor und im Gegenzug dazu, die Anzahl von Teilzeitstellen von einer Million in 1991 vervierfachte.

Bei den Arbeitsvolumen sieht es in den Ländern (keine Daten für Frankreich) ebenfalls nicht viel besser aus. Bis 2008 konnten Italien und Griechenland ein ordentliches Wachstum beim Arbeitsvolumen verzeichnen. Im Anschluss der Finanzkrise wurden die bis dahin erzielten Errungenschaften jedoch pulverisiert und sie stehen heute schlechter da, als 2000.

Spanien ist hier eine kleine Ausnahme. Zwar brach auch Spanien im Zuge der Finanzkrise in allen Bereichen ein, konnte aber bis 2008 mit 24 Prozent Zuwachs beim Arbeitsvolumen, auch das stärkste Wachstum verzeichnen. Nach der Krise brach das Volumen ein und verzeichnete ein Niveau, das drei Prozent über dem Niveau von 2000 lag. Von diesem Tiefpunkt konnte sich Spanien aber wieder erholen und lag 2016 neun Prozent über dem Niveau von 2000.

Vergleich des Arbeitsvolumens
Vergleich des Arbeitsvolumens

Anhand der Entwicklungen in Deutschland und verschiedenen europäischen Ländern lässt sich eine Tendenz erkennen. Langfristig wird das Arbeitsvolumen durch die zunehmende Produktivität abnehmen bzw. stagnieren. Daher macht es keinen Sinn, dass nach immer mehr Arbeitern gerufen wird.

Weniger Arbeiter oder weniger arbeiten könnte das Problem lösen

Wir brauchen weniger Arbeiter oder weniger Arbeitszeit, wenn wir die Arbeitslosigkeit nachhaltig senken wollen. Die gegenteilige Entwicklung ist aber eingetreten. Mit der Zunahme der Flüchtlinge in den letzten Jahren, wird gerade im Niedriglohnsektor und in den Berufen ohne hohe Anforderungen an Qualifikationen, die Situation drastisch verschärft. Das die Flüchtlinge und Geringqualifizierten darunter leiden, ist aber nicht ihre Schuld. Sie sind Opfer einer Politik, die vor allem Unternehmensgewinne schont und ein möglichst großes Arbeitskräftereservoir schaffen will, um den Druck auf Löhne und Gehälter zu erhöhen.

Ähnliches konnte auch in Folge der Krise beobachtet werden, in der Deutschland Fachkräfte aus Spanien, Italien, Griechenland und Portugal anwarb, um sie dann in oftmals schlecht entlohnte Arbeit unterzubringen und den Druck weiter zu erhöhen.

Was Deutschland nachhaltig helfen würde, wären weniger Arbeiter oder weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Erstes ist aus humanistischen Gründen kurzfristig nicht zu realisieren, könnte aber langfristig durch die demografische Entwicklung erreicht werden. Kurzfristig wäre aber eine Anpassung der Arbeitszeit möglich.

Eine Senkung der täglichen Arbeitszeit um eine Stunde, würde in Deutschland bei gleichbleibendem Arbeitsvolumen eine Nachfrage von sechs Millionen zusätzlichen Arbeitskräften erzeugen. Sicherlich ist dieses Beispiel hypothetischer Natur und vernachlässigt andere Variablen wie Kostenzuwächse, aber die Vergangenheit hat gezeigt: Verkürzung der Wochenarbeitszeit ist langfristig die Regel, nicht die Ausnahme.

Die Vorteile für die Gesellschaft dürften sich auch in geringeren Gesundheitskosten und mehr Lebensqualität niederschlagen. Leider forcieren Arbeitgeberverbände seit der Krise eine Zunahme der Arbeitszeit und werden von Politik und Gewerkschaften auch noch unterstützt.

Datenquelle: Eurostat, Destatis


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