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Arbeitsmarkt – Vollbeschäftigung durch Statistik

Was haben Copperfield und die Arbeitslosenstatistik gemeinsam? Beide können Menschen verschwinden lassen. Der eine durch einen Zaubertrick, die andere durch statistische Tricks. Erstes ist faszinierend, letzteres für die Betroffenen eher frustrierend.

In den letzten Tagen wurde durch die CDU das Wahlprogramm vorgelegt, mit dem sie in den Bundestagswahlkampf 2017 zieht. Dabei wurden zu Anfang – wie es bei solchen Programmen üblich ist – die großartigen Erfolge der zurückliegenden Regierungszeit hervorgehoben. Insbesondere die Arbeitsmarktdaten, die sich blendend entwickelt haben sollen. Aber wie sieht die Realität aus?

Wenn 1 Million Menschen unberücksichtigt bleiben

Die bekannteste Zahl, die in Medien und Politik in den letzten Tagen vorkam, ist die Arbeitslosenquote. Diese setzt die registrierten Arbeitslosen ins Verhältnis zu allen zivilen Erwerbstätigen. Also alle Arbeitnehmer, Beamte aber auch Selbständige und mithelfende Familienmitglieder. Diese Gruppe entsprach im Juni 2017 mehr als 44,5 Millionen Menschen. Von diesen waren wiederum 2,473 Millionen Menschen arbeitslos, was einem Prozentsatz von 5,5 Prozent entspricht.

Das sieht auf den ersten Blick gut aus, denn seit den 90er Jahren haben wir einen ähnlichen Wert nicht mehr erreicht. Nur täuscht dieser Wert über die wahren Verhältnisse. Durch die Hartz IV Gesetze im Jahr 2003 und Änderungen in den darauf folgenden Jahren, wurde die Aussagekraft der Arbeitslosenquote sukzessive ausgehöhlt. Heute werden 1 Million Menschen, die arbeitslos sind, in dieser Statistik nicht mehr berücksichtigt.

Dazu gehören Menschen, die im Sinne des Sozial-Gesetz-Buches (SGB) nicht als arbeitslos gelten. Menschen die mit 58 Jahren zu „alt“ sind oder an „Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung“ teilnehmen. Letzteres wird dann als Weiterbildung getarnt, an der vor allem Private Träger durch die Bildungsgutscheine kräftig mitverdienen. Arbeitslose gehen dann gemeinsam spazieren oder führen im Extremfall Lamas aus. Aber sie sind aus der Statistik raus.

Wenn all diese Menschen berücksichtigt werden, dann kommen wir aktuell auf 7,9 Prozent Arbeitslose (Unterbeschäftigungsquote). Aber auch in dieser Statistik fehlen noch immer Menschen. Menschen, die sich nicht arbeitslos melden. Aus Scham, Angst vor gesellschaftlicher Ächtung oder Unwissenheit um ihre Rechte.

Prekariat und Teilzeit bestimmt die Arbeitswelt von heute

Nichts desto trotz wird deutlich: Sowohl die Arbeitslosenquote als auch die Unterbeschäftigungsquote zeigen eine fallende Tendenz. Also ist doch alles gut und ich kritisiere nur des Kritisieren willens? Leider nein, denn das Absinken von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung geht mit der Zunahme von Arbeitsplätzen in Teilzeit und atypischen Beschäftigungen einher.

Das bedeutet, dass trotz positiver Entwicklung der Wirtschaft, sozialversicherte Arbeitsplätze in Vollzeit über viele Jahre hinweg abgebaut wurden. Bis 2005 gingen so fast 2 Millionen Arbeitsplätze in Vollzeit verloren. Und obwohl 2013 ein positiver Trend einsetzte, konnten bis ins Jahr 2016 die Verluste nicht vollständig abgebaut werden. (Beachte den geänderten Maßstab in der Abbildung)

Während die Anzahl von Arbeitsplätzen in Vollzeit nicht ganz das Ausgangsniveau von 2001 erreichten, explodierten die Arbeitsplätze in Teilzeit. Von 4,5 Millionen in 2001 wuchs deren Anzahl auf 8,5 Millionen in 2016, was einer Verdoppelung nahe kommt. Dies schlägt sich auch in dem Anteil an allen sozialversicherten Arbeitsplätzen nieder. Während 2001 der Anteil bei 16 Prozent lag, sind 2016 mehr als 27 Prozent aller Arbeitsplätze in Teilzeit.

Am deutlichsten wird dieses Bild, wenn das Jahr 2001 als Basis gewählt wird. Bis 2016 haben die Arbeitsplätze in Teilzeit um 90 Prozent zugelegt, während die Arbeitsplätze in Vollzeit 1 Prozent verloren haben. Die Realität in Deutschland bedeutet für 27 Prozent aller Arbeitnehmer Unterbeschäftigung, Armut, Unzufriedenheit und keine Repräsentanz durch die politischen Parteien. Und die gewonnen Arbeitsplätze sind fast vollständig im Niedriglohn- und Teilzeitbereich entstanden.

Wenn die Realität auf die Politik trifft

Das Wahlprogramm der CDU muss sich für viele Menschen wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen. Sie werden immer stärker vom Wohlstand der Gesellschaft ausgeschlossen und müssen sich teilweise Diffamierungen und Beleidigungen anhören, dass es an ihnen selbst legen würde.

Die Arbeit aller Koalitionen seit Beginn der 2000er Jahre war ein sukzessives Aufweichen von Arbeitnehmerrechten und ihrem Anteil am Erfolg einer Gesellschaft. Jobs in Vollzeit, die Menschen ernähren konnten wurden zugunsten von Teilzeitbeschäftigungen aufgegeben. Die Arbeitslosenstatistik dient zunehmend politischer Schönfärberei, die dann auch noch unkritisch von vielen Journalisten übernommen wird. All das führt zu einer gefährlichen Spaltung der Gesellschaft, mit hohem Gefahrenpotenzial für den sozialen Frieden.


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