Finanz- und Wirtschaftsblog

Zwanzig Prozent der Deutschen von Armut bedroht

Während sich aktuell die Blicke von Medien und Menschen in diesem Land auf die Paradise Papers richten, verlieren wir nur zu einfach die Menschen aus dem Auge, denen es wirtschaftlich bedeutend schlechter geht. Denn dort wo konzentrierter Reichtum existiert, muss es auch immer eine breite Basis an Armut geben. Beides sind Seiten ein und derselben Medaille.

Armut bedeutet Entbehrungen

Allein in Deutschland lebten im Jahr 2016 mehr als 16 Millionen Menschen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen waren. Das entspricht fast 20 Prozent der hiesigen Bevölkerung. Diese Menschen verfügen entweder über ein Einkommen, das unter der Armutsgefährdungsgrenze liegt, sind von erheblicher materieller Armut betroffen oder leben in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Die wenigsten dieser Menschen leben freiwillig in einer solchen Situation, wo der Alltag nicht nur deutlich erschwert wird, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe und das für Menschen so wichtige Miteinander zu kurz kommen. Ausflüge für Kinder, der Besuch von Kino oder Schwimmbad, aber auch Urlaub ist für einen bedeutenden Teil der Menschen in diesem Land nicht realisierbar.

Armutsbedrohung in Prozent
Armutsbedrohung in Prozent

Wenn das Dach über den Kopf zum Luxus wird

Zwar wird von der deutschen Politik immer postuliert, dass es Deutschland hervorragend geht, nur stellt sich die Frage, wer ist damit gemeint. Sind es die 3,7 Prozent der Menschen in diesem Land, die von erheblicher Armut betroffen sind und nicht in der Lage waren, ihre Miete, den Strom oder Gas für eine beheizte Wohnung zu bezahlen?

Oder waren es die 16,5 Prozent der Deutschen Bevölkerung, die über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens in Deutschland verfügen? Für Singles waren das 1.064 Euro und für eine Familie mit zwei Kindern 2.234 Euro brutto. Netto sieht es dann bedeutend schlechter aus und mit diesem Einkommen in einer etwas größeren Stadt Deutschlands eine bezahlbare Wohnung zu finden, gleicht einem Wunder.

Ohne Geld keine Politik, ohne Politik kein Geld

Es ist aber nicht verwunderlich, dass diese Menschen politisch eine sehr geringe Repräsentanz besitzen und auch medial nur hin und wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Armut besitzt in kaum einen Land eine entsprechende Lobby, sie gilt als unschick und viele Menschen schämen sich für ein Schicksal, dass sie oftmals kaum oder gar nicht beeinflussen können.

Denken wir nur an die Air Berlin Angestellten, die jetzt Großteils vor der Arbeitslosigkeit stehen, weil der ehemalige Lufthansa CEO Thomas Winkelmann, Air Berlin zur Schlachtbank geführt hat und sich dies auch noch hat vergolden lassen. Nach der Insolvenz hat die Politik alles daran gesetzt, dass Lufthansa die Filet-Stücke erhielt und der Rest des noch verbleibenden Unternehmens abgewickelt wird.

Während Unternehmen große finanzielle Kraftakte stemmen, um die Politik mit Parteispenden, Zuwendungen und attraktiven Posten im Unternehmen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, kämpfen Vertreter der ärmeren Gesellschaft mit stumpfen Waffen. Eher wurden in den letzten Jahren die Daumenschrauben für den ärmeren Teil der Gesellschaft angezogen, insbesondere mit dem Mechanismus von Hartz IV. So wurde aus dem Slogan Fordern und Fördern vor allem der erste Teil umgesetzt wird.

Arme werden mit Gutscheinen abgespeist

Besonders davon betroffen sind Kinder, von denen 19,3 Prozent von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Sowohl für deren Eltern aber auch für sie selbst hat das weitreichende Konsequenzen. Durch die Stigmatisierung erhalten sie seltener eine Empfehlung zum Besuch eines Gymnasiums und sind teilweise von Aktivitäten in ihrem sozialen Umfeld aufgrund der prekären finanziellen Lage ausgeschlossen.

Mit den Sozialgutscheinen, die unter von der Leyen eingeführt wurden, sollten diese Missstände zwar behoben werden, aber es wurde vor allem ein Bürokratiemonster erschaffen, dass den Kindern und Familien nur wenig nützt. Aber auch die Spätfolgen durch Armut sind immens und aus Sicht einer Volkswirtschaft überaus schädlich.

Entkoppelung der Wohlhabenden aus der Solidargemeinschaft

Im Gegenzug dazu, wurden Unternehmenssteuern, die Erbschaftssteuer, Steuern auf Kapitalerträge und den Spitzensteuersatz gesenkt. Alles Einnahmen, die vor allem Reichen und Wohlhabenden dieser Gesellschaft zu Gute kommen. Diese Einnahmen fehlen letzten Endes dem Staat in seiner Gesamtrechnung und seiner Möglichkeit über das Steuersystem einen Ausgleich und eine Umverteilung hin zur ärmeren Gesellschaftsschicht zu erreichen.

Langfristig bringt die Entkoppelung einer kleinen reichen Gesellschaftsschicht aus den Sozialversicherungen ebendiese in ein Ungleichgewicht. Bereits heute sehen wir, dass Rentenkasse und Krankenversicherungen zunehmend in finanzielle Schieflagen geraten, weil Vermögende sich aus der Solidargemeinschaft verabschiedet haben. Wie es besser gemacht werden kann, sieht man in den skandinavischen Ländern aber auch in Österreich.

Wer länger arm ist, stirbt früher

Darüber hinaus ist Armut aber auch für die Gesundheit und das Leben schädlich. Über ein Drittel der Hartz IV Empfänger in Deutschland gilt als psychisch krank, wobei die vorherrschenden Krankheitsbilder Depression und Burn-Out sind. Des Weiteren haben Menschen, die unterhalb der Armutsrisikogrenze leben, gegenüber der höchsten Einkommensgruppe ein 2,4- bis 2,7-Fach erhöhtes Mortalitätsrisiko. Sie sterben früher als Menschen mit hohen Einkommen, da sie einen schwierigeren Zugang zu gesunden Lebensmitteln haben und der permanente Armutsdruck die Menschen mürbe macht.

Lebenserwartung
Lebenserwartung

Millionen von Menschen in diesem Land sitzen in einem Hamsterrad in dem es kaum ein Entrinnen gibt. Gleichzeitig wird ihnen vorgehalten, dass sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich sind und Armut der eigenen Unfähigkeit entspringt. Dass es einfach nicht genügend Arbeit für alle gibt und das durch Politik und Wirtschaft gezielt ein Niedriglohnsektor aufgebaut wurde, der Druck auf den Arbeitsmarkt ausübt, wird geflissentlich verschwiegen. Unter Jamaika wird aller Voraussicht nach sich diese Situation verschlimmern, da alle drei Parteien ihrer Wählerklientel vor allem aus den oberen Einkommensschichten beziehen.


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