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Wie Ungleichheit den amerikanischen Traum entzaubert

Die Einkommens- und Vermögensungleichheit hat in den letzten Jahrzehnten in entwickelten Ländern deutlich zugenommen und dabei weite Teile der Gesellschaft von verbesserten Lebensumständen ausgeschlossen. Ein Land, welches besonders hervorsticht, ist die USA. Ein Land das für sich selbst proklamiert, die Freiheit der Welt zu verteidigen und jedem Menschen die Möglichkeit geben will, den amerikanischen Traum zu leben.

Der amerikanische Traum hat sich ausgeträumt

Der Begriff des amerikanischen Traums, der erstmals 1931 vom amerikanischen Schriftsteller und Historiker James Truslow Adams benutzt wurde, gilt heute als Kernbestandteil der amerikanischen Identität. Jeder Mensch soll demnach, durch seine eigenen Leistungen in der Zukunft einen größeren Wohlstand erzielen können, bzw. dem Sprichwort „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ entsprechen.

Leider haben Träume einen entscheidenden Nachteil, sie entsprechen nicht der Realität, sondern unseren Wünschen und Vorstellungen. Und diese Einschränkungen gelten auch für den amerikanischen Traum. Sicherlich gibt es Menschen, die mit kaum etwas oder nichts starten und es bis zum Millionär oder darüber hinaus schaffen. Sie stellen aber die Ausnahmen dar und nicht die Regel.

Soziale Mobilität und Aufstiegschancen haben abgenommen

Für die Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft gilt, dass die soziale Herkunft und Klassenzugehörigkeit entscheidend für den eigenen sozialen Status ist. Die Aufstiegsmöglichkeiten haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen und sind die Folge der auseinanderdriftenden Gesellschaft, in der wenige sehr viel besitzen und viele fast nichts.

Dies wird vor allem dann deutlich, wenn die Zuwächse der Einkommen vor und nach Steuern in den Zeiträumen von 1946 bis 1980 und 1980 bis 2014 betrachtet werden. Beide Perioden umfassen einen Zeitraum von 34 Jahren und berücksichtigen Einkommen ohne (vor Steuern) und mit Transferzahlungen (nach Steuern), die durch das Steuersystem vorgenommen werden.

1980 – Eine Zäsur für die Sozialgesellschaft

Bis 1980 profitierten vor allem die unteren und mittleren Einkommen mit deutlichen Anstiegen, während die Top zehn Prozent der Einkommen im Schnitt ein leicht geringeres Wachstum verzeichneten. Auch unter Berücksichtigung von Transferzahlungen wird dieses Bild bestätigt. Die unteren zwanzig Prozent der Einkommen konnten einen Zuwachs von 179 Prozent verzeichnen, während die Top zehn Prozent mit 69 Prozent zurücklagen.

Zwar waren die Ausgangsbasis und die absoluten Zahlen für die reichsten Menschen in den USA höher, aber durch die schnelleren Einkommenszuwächse der Mittel- und Unterschicht nahm die Ungleichheit ab. Und die USA konnte sich selbst als eine solidarische Gesellschaft bezeichnen, in der durch das Steuersystem eine Umverteilung von oben nach unten gewährleistet wurde.

In der Periode von 1980 bis 2014 kehrte sich diese Entwicklung vollständig um. In dieser Zeit wuchsen vor allem die hohen Einkommen und insbesondere die extrem hohen Einkommen. Vor Steuern erzielen die unteren 50 Prozent ein Wachstum von einem Prozent, wobei die unteren zwanzig Prozent der Einkommen einen Verlust von 25 Prozent verzeichneten.

Mit den Transferzahlungen wurde dies zwar leicht abgefedert, dennoch ist es eine deutliche Veränderung gegenüber der Zeit zwischen 1946 und 1980. Diejenigen, die seit 1980 am stärksten profitierten, sind die hohen Einkommen. Die Top zehn Prozent erzielten einen Zuwachs von 121 Prozent vor Steuern. Betrachtet man die 0,001 Prozent der höchsten Einkommen, konnten diese sagenhafte 636 Prozent an Einkommenszuwachs verzeichnen.

Einfluss und Anteil der ärmeren Gesellschaftsschichten schwindet

Dies hatte auch Konsequenzen für die Anteile der unterschiedlichen Einkommensgruppen am „Einkommens-Kuchen“. Während die unteren fünfzig Prozent der Einkommen ihren Anteil bis Anfang der 80er Jahre bei zwanzig Prozent recht stabil halten konnten, sank dieser in der Folge auf zwölf Prozent. Im Gegenzug dazu konnten die höchsten zehn Prozent der Einkommen ihren Anteil von ursprünglich 36 Prozent um zehn Prozentpunkte auf 47 Prozent erhöhen. Das eine Prozent mit den höchsten Einkommen steigerte im gleichen Zeitraum ihren Anteil von zwölf auf zwanzig Prozent.

Schlimmer sieht es eigentlich nur noch bei den Vermögen aus. Heute besitzen ein Prozent der Menschen in den USA fast 39 Prozent des gesamten Vermögens der größten Industrienation auf diesem Planeten. Die reichsten zehn Prozent vereinen sogar 73 Prozent auf sich. Auf der anderen Seite haben wir fünfzig Prozent der Amerikaner, die zusammen einen negativen Vermögensanteil besitzen. Sie haben also mehr Schulden als Einkommen.

Progressive Steuern dienten der effektiven Umverteilung

Es ist erschreckend zu sehen, dass die unteren fünfzig Prozent der amerikanischen Gesellschaft so von der wirtschaftlichen Entwicklung abgehängt wurden und sich große Teile von Einkommens- und Vermögenszuwächse auf die oberen zehn Prozent konzentrieren. Eine Erklärung dafür ist unter anderem die abnehmende progressive Einkommensbesteuerung, die bis 1980 oberhalb von 70 Prozent für die höchsten Einkommen lag. Dann folgte eine Senkung innerhalb von zehn Jahren auf 30 Prozent, von wo aus sie wieder auf 39 Prozent anstieg.

Einkommensentwicklung vor Steuern
Einkommensentwicklung vor Steuern

Dass ausgerechnet heute ein Multimillionär im Weißen Haus sitzt, der von der irrwitzigen Theorie des Trickle Down Effects überzeugt ist, scheint eine Laune der Natur zu sein. Zur Verteidigung von Donald Trump ist aber anzumerken, dass es mit Hillary Clinton nicht viel anders gelaufen wäre, sie und ihr Mann sind ebenso Profiteure des aktuellen Systems, wie ihre wohlhabenden Spender.

Dennoch können Europa und Deutschland von den USA lernen und die dort gemachten Fehler verhindern bzw. wieder zurückdrehen. Hohe progressive Steuern, die zur Umverteilung innerhalb eines Systems und zum Ausgleich der Einkommens- und Vermögensungleichheit dienen, sind durchaus sinnvoll. Rückblickend wurden immer die wirtschaftlichen Zeiträume als glorreich bezeichnet, in denen die Gesellschaft als Ganzes von der wirtschaftlichen Entwicklung partizipierte und nicht nur einige Wenige.


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