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Wer wird im deutschen Bundestag wirklich repräsentiert?

Am 24. September dürfen 61,5 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland über die künftige Zusammensetzung des Bundestags abstimmen und ihre Repräsentanten wählen. Da stellt sich die Frage, wie gut repräsentieren die bisherigen Bundestagsabgeordneten die Menschen in diesem Land und lassen sich daraus Schlüsse auf zukünftige Entwicklungen ziehen?

Die aktuell 630 Bundestagsabgeordneten werden dafür nach verschiedenen demografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder erlernter Beruf eingeteilt. Zusätzlich wird der erstmalige Beginn eines Bundestagsmandats, die Gesamtdauer der Bundestags-Zugehörigkeit und der erstmalige Parteieintritt erfasst.

Starke Konzentrationen im deutschen Bundestag

Das Bild das sich daraus ergibt, ist leider wie zu erwarten: Der Querschnitt der Bevölkerung wird kaum im Bundestag repräsentiert. Im Gegenteil, der Bundestag weist starke Konzentrationen auf.

So erfahren die unter 40-jährigen und die über 65-jährigen eine starke Unterrepräsentation. Während sie in der Bevölkerung mit 56 Prozent eine Mehrheit darstellen, werden sie im Bundestag nur mit 24 Prozent der Mandate berücksichtigt. Gerade die junge Generation wird mit neun Prozent im Bundestag, gegenüber 32 Prozent in der Bevölkerung, stark vernachlässigt.

Dem steht eine starke Überrepräsentation der 45- bis 60-jährigen gegenüber, die 49 Prozent aller Mandate auf sich vereinen können, aber nur 28 Prozent der Bevölkerung repräsentieren. Dies hat zur Folge, dass das Durchschnittsalter bei 54 Jahren liegt. Ob ein solcher Bundestag wirklich die Interessen der jungen Bevölkerung ausreichend berücksichtigt, kann man anzweifeln.

Anteil der Altesgruppen
Anteil der Altesgruppen

Ähnliches gilt auch für die Geschlechterverteilung. Während der Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung etwas über 50 Prozent liegt, werden diese im Bundestag mit 36 Prozent stark unterrepräsentiert. Zwar hat sich dieser Wert in den letzten Jahrzehnten zu Gunsten der Frauen verändert, ist aber noch weit von einer optimalen Repräsentation entfernt.

Staatsnahe Berufe sind überproportional vertreten

Die stärkste Verzerrung ist bei den Berufen, die die Abgeordneten in ihren Biografien angeben, zu erkennen. So machen die vier Berufsfelder Politik- und Sozialwissenschaftler, Pädagogen, Betriebs- und Volkswirtschaftler und Juristen mit 53 Prozent mehr als die Hälfte aller Abgeordneten aus. Juristen allein machen insgesamt 22 Prozent aller Abgeordneten aus und stellen somit die größte Einzelgruppe dar.

Anteil der Berufsgruppen
Anteil der Berufsgruppen

Bei den genanntne Berufsgruppen fällt auf, dass bis auf die Betriebs- und Volkswirtschaftler alle Berufe hohe Abhängigkeiten gegenüber dem Staat und dessen Entscheidungen besitzen. Teilweise sind sie vollständig durch Lohnzahlungen abhängig, bzw. streben als Politikwissenschaftler gezielt eine Karriere in diesem Bereich an. So kann der Eindruck entstehen, dass diese Berufsgruppen vor allem für ihren Selbsterhalt und der Sicherung des Status Quo eintreten und weniger für eine attraktive Zukunftsvision.

Die Parteien als Ursache der Konzentration

Die Gründe für diese Konzentrationen sind durchaus vielfältig, können aber zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Struktur der Parteien und dem aktuellen Wahlsystem aus Mehrheits- und Verhältniswahlen zurückgeführt werden.

Um überhaupt eine reelle Chance auf ein Bundestagsmandat zu erhalten, muss man von der Partei als Direktkandidat (Erststimme) oder auf einen aussichtsreichen Listenplatz (Zweitstimme) nominiert werden. Diese beiden Chancen erhalten aber nur Parteimitglieder, die bereits jahrelang die Ochsentour durch sämtliche Gremien und Organisationen der Parteien durchgemacht haben.

Im Durchschnitt beträgt die Zeit, die vor dem ersten Bundestagsmandat mit Parteiarbeit verbracht wurde, knapp über 9 Jahre. Am Ende werden aber nicht von der Basis die Besten der Besten auf die Listen oder als Direktkandidat entsandt, sondern diejenigen, die der Partei gewissenhaft gedient haben und eine sehr gute Vernetzung aufweisen. Manchmal auch etwas abschätzig als Parteisoldaten bezeichnet.

Dazu kommt, dass zumindest die großen Parteien wie CDU, SPD und CSU eine erhebliche finanzielle Eigenleistung durch den Kandidaten erwarten. Ohne diesen finanziellen Beitrag, der mehrere zehntausend Euro umfassen kann, ist eine Aussicht auf ein Bundestagsmandat fast ausgeschlossen. Summen, die gerade Geringverdiener niemals aufbringen können und somit faktisch von der Repräsentation ihres sozialen Umfeldes ausschließen.

Eine Wahl die keine ist

Im Ergebnis besitzen die Parteien ein Personalmonopol und viele Abgeordnete stehen durch Top-Listenplätze und die ein oder andere Hochburg für die Parteien bereits vor der Wahl fest. Somit verringert sich nicht nur die reale Wahlmöglichkeit der Bevölkerung, sondern auch die Repräsentativität des Bundestags, der schon lange nicht mehr den Querschnitt der Bevölkerung abbildet. Es ist fast unmöglich, Fehlverhalten oder Missachtung des Wählerwillens durch eine Wahl zu sanktionieren und die Parteien zu einem Umdenken zu zwingen.

Darüber hinaus unterliegen viele Bundestagsabgeordnete einem enormen Konformitätsdruck, der sie auf Parteilinie bringt. Die Folge daraus ist, dass es nur wenig ausscherende Meinungen gibt und der Kampf um die besten Argumente schon vor Jahrzehnten aufgegeben wurde.

All diese Verkettungen führen dazu, dass am Ende des Tages die Wahl reine Formalität ist, da eine echte Wahl nicht stattfindet. Wenige tausend Delegierte über alle Parteien hinweg, haben bereits zuvor eine Auswahl getroffen, über die abgestimmt werden darf. Und von den Spitzenkandidaten abgesehen, besteht der Rest des Bundestages aus einer anonymen und kontrollierbaren Manövriermasse, die alle vier Jahre erneut zur „Wahl“ steht.


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5 Kommentare unter “Wer wird im deutschen Bundestag wirklich repräsentiert?”

  • Sind die ausbildungslosen Nichtstuerberufe wie Immobilienmakler, Wohnungsvermieter mit arbeitslosem Einkommen aus ererbtem Grund- und Hausbesitz, und Arbeitnehmerentleiher, im mysteriösen Segment „Sonstiges“ versteckt worden?

    • Vermutlich werden die betroffenen Berufeinhaber Ihnen wiedersprechen, das sie zu Nichtstuerberufen subsumiert werden. Aber ja, auch Immobilienmakler werden unter Sonstiges zusammengefasst, weil sie unter der Schwelle von einem Prozent liegen.

  • Ich vermisse in Ihrer Analyse den Gesamtanteil der Mandatsträger, die nach Ihrer Abwahl an einen gesicherten Atbeitsplatz zurückkehren können, Im Klartext: Wer ist als Beamter oder Angestellter des öffentlichen Dienstes freigestellt und wer ist von Verbänden, Kirchen oder Gewerkschaften „delegiert“? Ich vermute nahezu über 90 %. Damit wird Grad an Bevölkerungs-Repräsentanz im Bundestag ja wohl zur Lachnummer.

    • Durchaus eine interessante Fragestellung, aufgrund der Datengrundlage des Bundestages aber leider nicht ohne weiteres ermittelbar, da die Angaben der Abgeordneten weder standardisiert noch vollständig sind. Aber der Artikel „Die lukrativen Nebentätigkeiten der Abgeordneten“ lässt darauf schließen, dass die meisten Abgeordneten nach ihrem Ausscheiden – wenn überhaupt – sehr weich fallen werden.

    • Fragen wir uns doch erst einmal aus welchen Berufsgruppen sich die Parteimitgleder (mit Parteibüchern ) aller Parteien zusammensetzten. Damit ist der Fall geklärt wer sich als zukünftiger Abgeordneter und alle weitern Jobs qualifiziert. Es siegt der öffentliche Dienst und dann kommen finanziell Unabhängige, die zukünftig ihrer Lobby zuarbeiten .

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