Finanz- und Wirtschaftsblog

Türkische Lira und Wirtschaft auf Talfahrt

Die Türkei kommt seit dem Militärputsch vor zwei Jahren nicht zur Ruhe und wird durch den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan immer schneller und umfassender zu einer totalitären Diktatur umgebaut. Zukünftig will Erdogan die vollständige Macht auf seine Person und seinen Zirkel aus Günstlingen vereinen, um so das Land, die Gesellschaft und die Wirtschaft nach seinen Vorstellungen und zu seinen Gunsten umzugestalten. Was dies für Kritiker, Kurden, Andersdenkende und die Opposition bedeutet, können wir bereuts heute beobachten. Darüber hinaus will Erdogan weitreichende Einflussmöglichkeiten auf die Zentralbank und die türkische Geldpolitik erhalten, was von den Finanz- und Kapitalmärkten unmittelbar abgestraft wurde.

Türkische Lira verliert deutlich an Wert und Inflation steigt

Gegenüber dem Vormonat gab die türkische Lira um sechs Prozent nach und die Zinsen auf zehnjährige Anleihen stiegen auf 14,29 Prozent. Dabei sind dies nur unmittelbare Reaktionen auf ein Interview von Erdogan gegenüber Bloomberg, in dem er darübier sinnierte, dass die Zentralbanker im Falle eines Wahlsieges einer stärkeren Einflussnahme durch den Präsidenten unterliegen würden. Weiterhin geht er davon aus, dass er seinen Forderungen nach einer Niedrigzinspolitik entsprechenden Nachdruck verschaffen kann. Die Märkte reagierten entsprechen scharf auf solche Äußerungen, da Zentralbanken im Kapitalismus sich immer einer gewissen Neutralität und Unabhängigkeit bewahren konnten, um nicht zum Spielball der Politik und von Partikularinteressen zu werden. Gerade totalitäre Regime tendieren dazu, kurzfristige Wahlerfolge und Beruhigung der Massen einer stabilen und nachhaltigen Wirtschafts- und Währungspolitik vorzuziehen.

Die Folgen eben jener Kurzsichtigkeit sind schon heute in der Türkei zu spüren. Die Währung hat binnen drei Jahren 73 Prozent an Wert verloren. Die Türken müssen für jeden Euro 5,2 türkische Lira aufwenden, während es Anfang 2015 noch 2,7 waren. Für exportstarke Nationen wäre eine schwache Währung bis zu einem gewissen Grad positiv, da aus Sicht des Auslands die Produkte günstiger und somit attraktiver werden. Da die Türkei aber ein massives Leistungsbilanzdefizit besitzt, ist der Nutzen einer schwachen Währung sehr schnell aufgebraucht und kehrt sich in einen Nachteil um. Besonders deutlich wird dies bei Rohstoffen und Energieträgern, die die Türkei nur in geringen Mengen selbst besitzt und somit importieren muss. Diese werden weltweit in Dollar abgerechnet und verteuern sich aus inländischer Sicht dramatisch.

Türkische Lira - Staatsanleihen
Türkische Lira – Staatsanleihen

Verheerende Lage wird durch Ablenkungsmanöver verschleiert

Daher ist die Konsequenz, dass die Inflation in der Türkei im vergangenen Jahr deutlich angezogen hat. Während 2016 für türkische Verhältnisse noch moderate Teuerungsraten von 7,8 Prozent erzielt wurden, stiegen diese bereits 2017 auf über elf Prozent und sollen dieses Jahr noch weiter steigen. Für die Menschen hat dies ganz reale Konsequenzen: die Lebenshaltungskosten werden immer teurer und wenn die Löhne nicht im gleichen Umfang steigen, verlieren sie real an Kaufkraft. Und dieser Zusammenhang kann für Erdogan gefährlich werden, da er sich in der Vergangenheit immer als Modernisierer der türkischen Wirtschaft hat feiern lassen. In dem Moment, wo die Wohlstandsgewinnen bei der einfachen Bevölkerung nicht mehr ankommen, verliert er seinen Rückhalt bei den Wählern und das könnte auch für Erdogan selbst gefährlich werden, da sein Handeln durchaus bei einem Regierungswechsel zu Verurteilungen führen kann.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass das türkische Statistikamt am Ende des Jahres 2017 ein Rekordwachstum des BIPs verkündete. Dies resultierte vor allem aus einer geänderten Berechnung und der Betrachtung nominaler Daten. Das türkische BIP in US-Dollar gemessen ist seit 2013 rückläufig und ist inzwischen um 10,6 Prozent gesunken. Dies sind Nachrichten, die in der Türkei dank einer gleichgeschalteten Presse eher selten durchdringen, aber früher oder später im Portmonnaie der Gesellschaft zu spüren sind. Bisher konnte dies durch großflächige Ablenkungsmannöver noch kaschiert werden. In Syrien kann sich Erdogan mit dem illegalen militärischen Eingreifen als starker Macher profilieren, die Kurden werden im Osten des Landes mit aller Härte unterdrückt und die Medien gehören zu großen Teilen bereits Erdogan und seinen Anhängern.

BIP - Inflation
BIP – Inflation

Investoren meiden die Türkei

Nur lässt sich von all diesen Schamützeln das internationale Kapital nicht beirren oder einschüchtern. Während eine Drohung von Erdogan gegen kritische türkische Staatsbürger im In- und Ausland Eindruck erzielt, funktioniert dies beim Kapital nicht. Ausländische Investitionen ziehen bei unvorteilhaften Bedingungen und zunehmender Unsicherheit sofot ihr Kapital ab. Die Zentralbank hätte hier die Möglichkeit mit anziehenden Zinsen die Attraktivität der Türkei zu steigern. Dies wird aber, wie bereits dargelegt, von Erdogan abgelehnt. Denn um die aktuelle Inflation unter Kontrolle zu bringen, bedarf es deutliche Zinsanstiege, die einen Wirtschaftsaufschwung ausbremsen und Verbraucher und Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten bringen könnten. Ein Manöver, dass im Wahlkampf Wähler vergrault, gleichzeitig zwingt der Kapitalabzug, die steigenden Inflation und die realwirtschaftliche Stagnation die Regierung zum Handeln, wenn sie nicht weiter steigende Zinsen auf Staatsanleihen hinnehmen will. Wohin Untätigkeit führen kann, sehen wir aktuell in Venezuela, die der Türkei bereits etwas voraus sind.

Die Türkei ist bei weitem nicht so stabil, wie es Erdogan gerne hätte. Daher verwundert es nicht, dass die Repressalienschraube vor der Präsidentenwahl, mit der er die volle Kontrolle über das Land erhält, angezogen wird. Kritische Journalisten werden mit fadenscheinigen Begründungen verhaftet, Demonstrationen werden verboten, die Islamisierung der Bildung wird noch beschleunigt und parallel dazu ist Erdogan auf PR-Tour bei den Auslandstürken. Das zwei deutsche Nationalspieler ebenfalls bei dieser Posse mitmachen, deutet an, dass die Integration vieler Türken in diesem Land katastrophal fehlgeschlagen ist. Die Wirtschaft dürfte in der Türkei weiter abschmieren, bis dahin muss Erdogan aber seine Macht soweit gefestigt haben, dass er mit entsprechenden Mitteln gegen die Bevölkerung vorgehen kann, ansonsten wird er schneller abgesetzt, als es ihm lieb ist.


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