Finanz- und Wirtschaftsblog

Tag der Arbeit – Was ist Arbeit in Deutschland noch wert?

Für viele Menschen ist der 1. Mai ein willkommender Feiertag im Kalender, an dem gerne das ein oder andere alkoholische Getränk konsumiert und ausgelassen gefeiert wird. Gleichzeitig finden jedes Jahr von Gewerkschaften organisierte Großdemonstatrionen statt, die für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung eintreten. Ihren Ursprung haben diese Demonstrationen in der nordamerikanischen Arbeiterbewegung, die im Jahr 1886 für eine Reduktion der täglichen Arbeitszeit – von zwölf auf acht Stunden – in einen Streik traten. Aber wie sieht es heute, im 21. Jahrhundert, in Deutschland aus? Welchen Wert messen wir als Gesellschaft unserer Arbeit bei?

Trotz Vollzeit einen Monatsverdienst von unter 2.000 Euro

Für achtzehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten ist die Antwort einfach und gleichermaßen niederschmetternd. Ihre Arbeit erfährt weder eine hohe Wertschätzung, noch eine gute Bezahlung. Sie erhalten pro Monat einen Bruttoverdienst von unter 2.000 Euro. Im Osten ist die Situation noch dramatischer, dort verdienen mehr als 31 Prozent der Vollzeitbeschäftigten unter 2.000 Euro, während es im Westen noch fast 15 Prozent sind. Da sollte es auch niemanden überraschen, dass gerade in Ostdeutschland die Kombination aus geringen Löhnen und hoher Perspektiv- und Arbeitslosigkeit der AfD den Erfolg ebnet. Die Menschen hören jeden Tag, wie gut es Deutschland geht, wie der Arbeitsmarkt brummt und dennoch kommt bei ihnen nichts an.

Armutrisiko und AfD Wahlergebnis
Armutrisiko und AfD Wahlergebnis

Im Gegenteil. Mieten in großen Städten steigen immer stärker an und verhindern, dass Menschen mit kleinerem Einkommen sich noch Wohnungen leisten können. Selbst die Mittelschicht ächzt immer stärker under den zunehmenden Belastungen. Zu verdanken haben wir dies einer Politik, die hohe Einkommen und Vermögen überproportional entlastet und kleine und mittlere Einkommen durch Sozialabgaben und Steuern belastet. Dazu kommt, dass unter Gerhard Schröder und Peter Hartz die Sozial- und Arbeitslosenhilfe dergestalt verändert wurde, dass Hartz IV heute als kollektives Druckmittel der Arbeitgeberseite und des Staates gegen die Arbeitnehmer eingesetzt werden. Der Druck auf Löhne und Gehälter vor allem im unteren Bereich der Gesellschaft hat zu deutlichen Reallohnverlusten in der Vergangenheit geführt.

Hartz IV als Druckmittel für das Lohndumping

Wie groß der Unmut in der Bevölkerung über die als ungerecht empfundene Sanktionierungspraxis und die Verarmung breiter Gesellschaftsschichten ist, konnte man einerseit bei der letzten Bundestagswahl aber auch bei der Kritik an Jens Spahn erkennen. Dieser war davon überzeugt, dass Hartz IV nicht Armut bedeutet, sondern für notwendige Ausgaben ausreichend ist. Der Forderung einen Monat von Hartz IV zu leben, kam er zwar nicht nach, aber seine Einlassungen zeugten bereits in der Vergangenheit nicht von großer Nachhaltigkeit. Was Hartz IV aber wirklich für Entbehrlichkeiten bedeutet, dürften Politiker mit einem Monatsgehalt von über 10.000 Euro eher selten am eigenen Leib erfahren.

Aber Hartz IV ist nur ein Teil der Problematik in Deutschland, die zu den prekären Situationen bei vielen Menschen führen. Das Problem ist, dass es schlicht nicht genügend Arbeit für die Menschen in diesem Land gibt, um jeden ein auskömmliches Einkommen zu ermöglichen. Wir lagen 2017 trotz boomender Wirtschaft knapp unter dem Arbeitsvolumen von 1991. Gleichzeitig ist die Produktivität der Arbeiter aber um 40 Prozent höher. Löhne sind nachweislich nicht im gleichen Umfang gestiegen und die wöchentliche Arbeitszeit wurde auch nicht signifkant gesenkt, damit Arbeitnehmer mehr Freizeit haben. Das einzige, was in einem ähnlichen Umfang gestiegen ist, sind die Unternehmensgewinne, die auf Kosten bzw. durch die geringe Bezahlung der Arbeitnehmer erzielt wurden. Immerhin hat Deutschland es geschafft in Europa einen der größten Niedriglohnmärkte zu implementieren. Durch Lohndumping haben wir den Wettbewerb in der EU verschärft und sind Exportweltmeister geworden.

Neue Arbeitsstellen vor allem im Niedriglohnbereich

Deutschland hat es geschafft, seit 1991 fast drei Millionen Vollzeitarbeitsstellen abzubauen und diese in Teilzeitbeschäftigung oder atypische Beschäftigungsverhältnisse umzuwandeln. Gleichzeitig lassen sich Politiker vor den Karren der Wirtschaftslobby spannen und erzählen das Märchen vom deutschen Fachkräftemangel. Die Realität sieht für viele Menschen in diesem Land so aus, dass sie von der Arbeit, die sie haben, nur sehr schlecht leben können. Viele sind sogar dazu gezwungen aufzustocken, um so ihren Lebensunterhalt stemmen zu können. Auf der anderen Seite sehen sie, dass Deutschland Milliardenüberschüsse generiert, das wichtige Investitionen in die Infrastruktur ausbleiben und Großprojekte wie der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 Milliarden verschlingen, ohne einen Nutzen für die Gesellschaft zu erbringen. Das Gefühl, dass die Prioritäten der Mittelverwendung und –verteilung falsch gesetzt sind, ist in der Gesellschaft angekommen. Arbeit scheint sich immer weniger zu lohnen und für viele bedeutet dies letztendlich Armut im Alter. Und das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.

Auf Seiten von Unternehmen und Kapitalbesitzern verfolgt die Politik seit Jahren das Ziel die Belastung deutlich zu reduzieren und die Mindereinnahmen durch die arbeitende Bevölkerung zu kompensieren. Arbeitgeberanteil für die Krankenkasse wurde eingefroren, Gewinne auf Kapitalerträge wird nur mit 25 Prozent versteuert und nicht mit dem persönlichen Einkommensteuersatz, die Erbschaftsteuer für Unternehmenserben ist sehr zuvorkommend und die Vermögenssteuer seit vielen Jahren ausgesetzt. Hingegen wird um jeden Cent bei der Erhöhung der Sozialhilfesätze und dem Mindestlohn gefeilscht. So kann der Eindruck entstehen, dass Arbeit in diesem Land nicht nur immer weniger wertgeschätzt wird, sondern es auch deutlich schlechter gestellt ist gegenüber dem reinen Kapitalbesitz.


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