Finanz- und Wirtschaftsblog

Italiens wirtschaftlicher und politischer Niedergang

Wenn man an Italien denkt, so erscheinen vor dem geistigen Auge Bilder über die grüne Hügellandschaft der Toskana, das kristallklare Wasser Sardiniens oder den historischen Stätten in Rom und Florenz. Dazu gesellt sich die reichhaltige kulinarische, architektonische und kulturelle Vielfalt, die jedes Jahr Millionen von Touristen in die Städte und an die Strände Italiens lockt. Die Seite Italiens, von der Touristen nur selten etwas erfahren, ist die tief gespaltene Gesellschaft und der wirtschaftliche und politische Abstieg der drittgrößten Wirtschaftsnation in Europa. Ein Land, das sich von der Finanz- und Wirtschaftskrise nie erholte, dessen Verschuldung außer Kontrolle gerät und unter Korruption in Wirtschaft und Politik leidet.

Neuwahlen in Italien – Auferstehung des Berlusconis?

Letztere hat sich dann auch konsequenterweise dazu entschlossen, das Chaos perfekt zu machen und das Parlament aufzulösen, um am 4. März Neuwahlen auszurichten. Der Ausgang dieser Wahlen ist völlig ungewiss und könnte eine ähnliche Hängepartie auslösen, wie wir sie aktuell in Deutschland beobachten und damit das Land noch weiter in die Krise stürzen. Zwar kommt die Fünf-Sterne-Bewegung von „Beppe“ Grillo nach neuesten Umfragen auf knapp 29 Prozent, würde aber, aufgrund des erst kürzlich verabschiedeten neuen Wahlgesetzes, keine Aussicht auf eine Regierungsbildung haben. Das Wahlgesetz, das von Berlusconis Forza Italia, der Lega Nord und den Sozialisten (PD) unterstützt und durchgesetzt wurde, kommt vor allem politischen Koalitionen zu Gute und benachteiligt Einzelparteien.

Italien Koaltion

Die letzten Umfragen deuten darauf hin, dass Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition vor der Fünf-Sterne-Bewegung liegt. Die Sozialisten (PD), unter dem wenig beliebten Parteichef Matteo Renzi, sind inzwischen auf die dritte Position abgerutscht und haben in den letzten zwei Monaten deutlich an Zuspruch verloren. Bei der aktuellen Konstellation hätte Italien somit eine Hängepartie im Parlament und im Senat geschaffen, die die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme eher verschärft, als das sie gelöst werden. Und das es davon genug gibt, kann man bereits heute an den wichtigsten Indizes ablesen.

Wirtschaft und Gesellschaft leiden unter Korruption und Klientelsystem

So konnte die italienische Wirtschaft auch zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise noch nicht das Vorkrisenniveau erreichen. Dies ist unter den G7-Staaten eine absolute Ausnahme und ist bezeichnend für die tiefgreifenden Probleme und Versäumnisse in der italienischen Wirtschaftspolitik. Massive Bürokratie, ineffiziente Verwaltung, hohe Schulden, Jugendarbeitslosigkeit, Korruption und eine Selbstbedienungsmentalität vieler Politiker und ihnen nahe stehenden Personen, schaffen ein Klima, das nicht nur überaus investitionsfeindlich ist, sondern auch die Produktivität des Landes hemmt.

Strategische Investitionen in Anlagen, Gebäuden oder Forschung und Entwicklung sind eingebrochen und bewegen sich aktuell auf einem Niveau, dass 30 Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegt. Diese Investitionen, die für zukünftiges Wirtschaftswachstum unentbehrlich sind, bleiben in einem Land aus, das bereits heute immer stärker zurückfällt und an wirtschaftlicher Bedeutung einbüßt. Besonders die vernachlässigte Digitalisierung und der schleppende Ausbau der IT-Infrastruktur werden das Land immer weiter abhängen und bescheren ihm bereits heute den 26. Platz im Digitalisierungsindex der Europäischen Union.

Dazu kommt das stark verbreitete Klientelsystem in Politik und Wirtschaft, in dem Personen regelmäßig nicht aufgrund von Erfahrung und Kompetenzen ausgesucht werden, sondern aufgrund des richtigen Familiennamens oder ihrer Verbindung zu den Verantwortlichen im Unternehmen. Als Hindernis wirkt sich diese Art des Wirtschaftens in sehr agilen Branchen aus, die eine permanente Reaktion auf aktuelle Marktgegebenheiten benötigen. Aber auch Unternehmen, die einen hohen Bedarf an qualifizierten Spezialisten benötigen, werden ausgebremst und von der internationalen Konkurrenz überholt.

Wirtschaftliche Spaltung in Nord und Süd

An dieser Stelle muss jedoch erwähnt werden, dass Italien kein homogenes Land ist. Im Gegenteil, Italien ist extrem heterogen und in einen wirtschaftlich starken Norden und einen abgehängten und armen Süden aufgeteilt. So liegt das BIP pro Kopf in der Lombardei mehr als 50 Prozent über dem Durchschnitt in der EU. In Kalabrien, der Spitze des italienischen Stiefels, liegt dieser Wert mehr als 25 Prozent unter dem EU-Schnitt.

BIP pro Kopf

Der Norden profitiert besonders durch die hohe Dichte an Industrieunternehmen, die gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen und durch den hohen internationalen Wettbewerbsdruck gezwungen sind, nach den Gesetzen des Marktes zu agieren. Der Süden zeichnet sich dem gegenüber vor allem durch einen Dienstleistungs- und Agrarsektor aus, in denen deutlich niedrigere Löhne gezahlt werden und der Wettbewerbsdruck durch ausländische Konkurrenten geringer ausfällt. Jedes dieser einzelnen Probleme beschleunigt den Abstieg Italiens, wenn die Anfang März gewählte Regierung, sie nicht konsequent angeht und löst.

EZB-Entscheidung und steigende Zinsen bedrohen finanzielle Stabilität

Gleichzeitig wird der zukünftige Handlungsspielraum durch eine Entscheidung der EZB beschnitten, die das Ankaufprogramm für europäische Staatsanleihen ab 2018 auf 30 Milliarden Euro pro Monat halbieren wird. Zu den großen Profiteuren des bisherigen Ankaufs, konnten sich die Italiener zählen. Seit dem Jahr 2015, in dem das Programm aufgelegt wurde, hat die EZB insgesamt 318 Milliarden Euro an italienischen Staatsanleihen gekauft, was mehr als dem Dreifachen der neu emittierten Anleihen entspricht. Die EZB hat den Markt für italienische Staatsanleihen quasi vollständig leergefegt und somit die Zinsen gedrückt.

Die niedrigen Zinsen haben zwar das Haushaltsdefizit und die finanziell angespannte Lage etwas entschärft, das Hauptproblem der Überschuldung wurde bisher nicht angegangen. Im Gegenteil, die Schulden steigen immer weiter und erhöhen die Sensitivität des italienischen Staates gegenüber steigenden Zinsen. Und diese beginnen zu steigen, da unklar ist, ob private Investoren die Lücke des reduzierten Ankaufsprogramms der EZB füllen können. Insbesondere ausländische Investoren, italienische Haushalte und Unternehmen haben in den letzten Jahren ihre italienischen Staatsanleihen abgestoßen und teilweise an die EZB verkauft. Dem gegenüber haben Banken und Versicherungen ihre Anteile nur leicht gesenkt oder konstant gehalten. Der Hauptabnehmer aber war die EZB, die ihren Anteil auf 15 Prozent verdreifacht hat. Das in den USA die FED wiederum die Zinsen anhebt und europäische Investoren attraktivere Anlagemöglichkeiten bietet, die mit einem Abzug von Kapital einhergehen, ist nur eine weitere Randnotiz für die prekäre Lage, in der Italien steckt.

Schlechtes Timing in Italien

Die Situation in Italien ist wirtschaftlich und politisch angespannt, dass in dieser Zeit mit „Bepe“ Grillo und Berlusconi zwei Komiker – der eine von Beruf der andere unfreiwillig – auf die politische Bühne treten, dürfte die Lage nicht entschärfen. Die Tragfähigkeit der Schulden und das Vertrauen in ihre Bedienung sind schon lange nicht mehr gesichert und werden mit dem Konfrontationskurs der führenden politischen Parteien gegenüber dem Euro keine nachhaltige Stärkung erfahren. Diese Unsicherheit wird die Zinsen weiter steigen lassen und abhängig von einem erneuten Eingreifen der EZB, der zukünftigen Regierung kaum Handlungsspielraum lassen. Viele Italiener dürften sich auf weitere Sparmaßnahmen in den sozialen Bereichen gefasst machen, sowie die Versuche, dass italienische Tafelsilber zu privatisieren. Dazu kommen weitere Milliarden für Unternehmens- und Bankenpleite, sodass die Schuldenspirale vollständig in Gang gesetzt wird und das Land zum Bittsteller ohne Rechte macht.


Ähnliche Artikel

Wer wird im deutschen Bundestag wirklich repräsentiert?

Wer wird im deutschen Bundestag wirklich repräsentiert?

Am 24. September dürfen 61,5 Millionen Wahlberechtigte in Deutschland über die künftige Zusammensetzung des Bundestags abstimmen und ihre Repräsentanten wählen. Da stellt sich die Frage, wie gut repräsentieren die bisherigen Bundestagsabgeordneten die Menschen in diesem Land und lassen sich daraus Schlüsse auf zukünftige Entwicklungen ziehen? […]

Katalonien – Referendum über die Unabhängigkeit

Katalonien – Referendum über die Unabhängigkeit

Heute ist ein Tag, an dem viele Menschen nach Spanien blicken und gespannt das Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen erwarten. Etwa 7,5 Millionen Menschen sind heute aufgerufen, darüber abzustimmen, ob Katalonien zukünftig ein Teil Spaniens sein will oder ein unabhängiger Staat wird. Die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen eines […]



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.