Finanz- und Wirtschaftsblog

Das Märchen vom deutschen Fachkräftemangel

„Wir finden keine Fachkräfte mehr!“. Diese oder ähnliche Aussagen hört man seit Jahren in regelmäßigen Abständen von Unternehmen, Verbänden und Lobbyisten in Deutschland. Während diese Aussagen vor Jahren noch flächendeckend über alle Berufe hinweg pauschalisiert wurden, sind die Beteiligten inzwischen etwas zurückgerudert und spezifizieren ihre Aussagen, wenngleich sie nach wie vor sehr schwammig sind.

Was ein Mangel ist, bestimmen noch immer die Lobbyisten

Eine Interessensvertretung, die regelmäßig einen Fachkräftemangel prophezeit, ist das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. So gab der IW-Ökonom Oliver Koppel dem Deutschlandfunk ein Interview, in dem er behauptete, dass es starke Engpässe bei Bauingenieuren, MINT-Berufen, im Informatikbereich aber auch bei der Altenpflege gibt. Darüber hinaus macht sich der Interviewte insbesondere über die zukünftigen Entwicklungen Sorgen, da er von einer Verschärfung des Bedarfs ausgeht. Was von solchen Prognosen zu halten ist, ist fraglich, da sie bereits in der Vergangenheit kaum jemals zutrafen.

Dennoch hat Koppel nicht Unrecht, wenn er von einem Fachkräftemangel spricht, die Ursachen sind nur andere, als die, die er angibt. Quantitativ haben wir auf der Arbeitnehmerseite nur selten einen Fachkräftemangel, die Problematik liegt eher in der Definition des Mangels selbst und in der Situation der Unternehmen. Die Arbeitsagentur, die in regelmäßigen Abständen eine Fachkräfteengpassanalyse durchführt, hat mit der Vakanzzeit und den Bewerberzahlen die beiden bedeutendsten Indikatoren für einen Fachkräftemangel identifiziert.

  • Vakanzzeit – Bei der Vakanzzeit wird die Zeit ermittelt, die Unternehmen im Durchschnitt benötigen, um eine freie Stelle durch einen geeigneten Mitarbeiter neu zu besetzen. Ist die Vakanzzeit 40 Prozent über dem Durchschnitt, wäre es ein Indiz für einen Engpass.
  • Bewerberzahlen – Wenn bei Fachkräften oder Spezialisten auf 100 gemeldete Stellen weniger als 200 Arbeitslose kommen – bei Experten weniger als 400 – dann handelt es sich ebenfalls um einen Engpass

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht

Die Fragen, die sich nun stellen, sind die Indikatoren wirklich ein Indiz für einen Fachkräftemangel und wenn ja, werden sie durch das statistische Datenmaterial unterstützt. Die erste Frage ist schwieriger zu beantworten als die zweite. Man stelle sich vor, ein Unternehmen sucht für seinen Betrieb, der in „Hintertupfingen“ liegt, einen Ingenieur mit zehn Jahren Erfahrung zu einem Gehalt, das zwanzig Prozent unterhalb des Durchschnitts liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Betrieb überhaupt einen Bewerber bekommt, ist sehr gering.

Es mangelt in diesem Fall nicht an verfügbaren Ingenieuren, sondern an Ingenieuren, die zehn Jahre Berufserfahrung haben, in eine unattraktive und entlegene Gegend ziehen wollen und dafür eine unterdurchschnittliche Bezahlung akzeptieren. Und auch wenn dieses Beispiel überspitzt ist, zeigt es doch die unterschiedlichen Sichtweisen von Unternehmen und Bewerbern auf. Unternehmen wollen eine eierlegende Wollmichsau, die bereits alles kann, keine Einarbeitung bedarf und günstig ist.

Unattraktivität des Unternehmens ist ein entscheidender Faktor

Bewerber achten aber zunehmend auf die Lage des Unternehmens und das damit einhergehende gesellschaftliche Angebot, die Unternehmenskultur, die Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten aber auch die Bezahlung. Durch Vergleichsportale sind sich Arbeitnehmer heute sehr viel stärker darüber im Klaren, was sie verlangen können und was ihre Fähigkeiten wert sind. Dem gegenüber stehen unattraktive Vertragsangebote, die nur eine Befristung vorsehen, langweilige und uninspirierte Stellenanzeigen oder negative Mund-zu-Mund-Propaganda der eigenen Mitarbeiter, aufgrund des innerbetrieblichen Klimas.

All dies kann zu einem Bewerbermangel führen, der die Dauer für die Besetzung einer Stelle hinaus zögert oder verhindert. Aber nichts davon lässt auf einen Fachkräftemangel schließen, sondern auf eine Führungsart im Unternehmen, die in der heutigen Zeit nicht mehr angebracht ist und potenzielle Mitarbeiter abschreckt. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Bewerberzahlen bei manchen Unternehmen zurückgehen. Um dies zu verhindern, müssten Unternehmen viel mehr Arbeit in das Recruiting stecken, die Kultur im Unternehmen verbessern und interessante und zielgruppengenaue Stellenangebote entwickeln. Aber auch der Wille, Mitarbeiter fehlendes Know-How anzulernen und weiterzubilden muss vorhanden sein.

Fiktive offene Stellen

Während die Vakanzzeit steigt, sinken die Bewerberzahlen pro Stelle. Dies ist einerseits mit den zuvor beschriebenen Ursachen zu erklären, andererseits aber mit der Ermittlung des Verhältnisses aus Arbeitslosen und offenen Stellen selbst. Die Bundesagentur für Arbeit setzt bei der Ermittlung nur auf die Zahl der Arbeitslosen, die ein passendes Profil besitzen, sie ignoriert aber die Zahl der Arbeitssuchenden mit geeignetem Profil, die sich nicht arbeitslos gemeldet haben. Letztere erhöht die Zahl der Bewerber je Stelle deutlich, was der Wahrnehmung vieler Bewerber auch deutlich näher kommt. Aber auch die Zahl der offenen Stellen sollte kritisch hinterfragt werden.

Bei der Bundesagentur für Arbeit kann jedes Unternehmen seine offenen Stellen eintragen, um entsprechend für die Bewerber an Sichtbarkeit zu gewinnen. Da insbesondere im Bereich von Spezialisten und Experten hohes Know-How und Personalführung erwartet wird, werden diese Stellen parallel zu den eigenen Stellenausschreibungen an Personaldienstleister weitergeleitet. Letztere können ebenfalls das Stellenangebot in die Jobbörse einstellen, sodass eine Stelle mehrfach gezählt wird und die Statistik verzerrt.

Und trotz dieser Verzerrungen zu Gunsten der offenen Stellung, konnte ein Fachkräftemangel in diesem Jahr nicht beobachtet werden. Zwar steigen die offenen Stellen zum Ende des Jahres an und die Bewerberzahlen sinken, dies ist aber ein normaler Vorgang auf dem Arbeitsmarkt und wird das Jahresergebnis nicht in eine gegenteilige Aussage umkehren. Betrachtet man die Arbeitssuchenden, so stellt sich nicht einmal ein temporärer Fachkräftemangel ein.

Deutschlands Brain-Drain verstärkt sich immer mehr

Und dabei haben die Unternehmen und Politik im letzten Jahrzehnt wirklich viel dafür getan, um einen echten Fachkräftemangel zu erzeugen. Seit Jahren verlassen gut ausgebildete Deutsche ihre Heimat und suchen vorzugsweise in der Schweiz, in Österreich, Großbritannien oder den USA ihre berufliche Zukunft. Bessere Unternehmenskultur, Aufstiegsmöglichkeiten, Sozialsysteme oder Bezahlung sind nur einige der Argumente, warum hochqualifizierte Arbeitskräfte Deutschland den Rücken kehren. Problematisch dabei ist, dass die Hälfte aller deutschen Auswanderer einen akademischen Abschluss besitzt und wir einen förmlichen Brain-Drain in Deutschland erleben.

Trotz dieser Umstände hat es Deutschland geschafft, genügend Nachwuchs für etwaige Vakanzen auszubilden, sodass Maschinen nicht stillstehen müssen und Produktionsausfälle in Deutschland nicht an der Tagesordnung stehen. Leider ist der reibungslose Ablauf von Maschinen und Wirtschaft in diesem Land höher gewichtet, als ein menschenwürdiger Lebensabend. Denn in Deutschland gibt es einige Bereiche, in denen ein realer und vollkommen greifbarer Mangel an Fachkräften und Arbeitnehmern existiert: Im Pflegebereich. Unsere Gesellschaft wird immer älter und ist zunehmend auf Menschen angewiesen, die Bedürftige Pflegen und umsorgen.

Selbst verursachter Fachkräftemangel herrscht im Pflegebereich

Das Problem dabei ist, es findet sich kaum noch jemand, der bereit ist dieser Arbeit nachzugehen. Extrem schlechte Bezahlung, trauriger Spitzenreiter in der Krankenstatistik bei Häufigkeit und Länge der Erkrankungen und durch personelle Unterbesetzung völlige Überforderung. Während bei Ingenieuren und MINT-Berufen nach mehr Bewerbern gerufen wird, beuten Politik und Unternehmen die Pflegekräfte gnadenlos aus. Das gesamte System funktioniert nur zu Lasten der Patienten und Arbeitnehmer, dass letztere kaum ein volles Berufsleben in diesem Bereich arbeiten und somit hohe Fluktuation herrscht, ist nur eine der vielen Konsequenzen.

Aber soziale Berufe hatten in diesem Land noch nie eine starke Lobby, ähnlich der gesamten Arbeitnehmerschaft. Unternehmen, Politik und Lobbyisten rufen einen Fachkräftemangel aus, der so in der Realität nicht existiert. Nur um sich nicht mit den eigenen Problemen beschäftigen zu müssen. Trotz gutem Wirtschaftswachstum werden im Vergleich zu unseren direkten Nachbarn kaum Fachkräften angezogen. Und die Gründe dafür liegen, besonders beim Verhalten der Unternehmen gegenüber Bewerbern und Mitarbeitern, aber auch bei der deutschen Politik. Ändern wird sich dies vermutlich erst dann, wenn es schon zu spät ist.


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