Finanz- und Wirtschaftsblog

TARGET2-Saldo erreicht mit 879 Mrd. Euro neuen Rekord

Die Spannungen im Euroraum nehmen in den letzten Monaten nicht nur auf der politischen Bühne zu, sondern treten auch zunehmend auf der finanzpolitischen Seite offen zu Tage. Die TARGET2-Salden offenbaren immer stärker die divergierende Entwicklung in Europa, insbesondere zwischen den exportstarken Nationen im Norden und der Peripherie im Süden. Dabei sticht Deutschland als einer der exportstärksten Nationen besonders heraus.

Der deutsche TARGET2-Saldo erreichte Ende September ein Volumen von 879 Milliarden und verzeichnete damit einen neuen Rekord. Das Volumen aus dem Jahr 2012, als der Höhepunkt der Euro-Krise erreicht wurde, wird sogar mit mehr als 100 Milliarden Euro übertroffen. Wenngleich diese Summen nur schwer zu fassende Größen erreichen, geht von ihnen keine unmittelbare Gefahr für die Solvenz Deutschlands, dem europäischen Bankensystem oder den Bankeinlagen der Sparer aus.

Funktionsweise des TARGET2-Systems

Um dies nachzuvollziehen, ist es sinnvoll zuerst das System an sich zu verstehen. Das TARGET2-System steht für Trans-European Automated Real-time Gross Settlement System der zweiten Generation und ist ein Echtzeit-Brutto-Clearingsystem. Das bedeutet, dass jede Transaktion über TARGET2 zeitnah und vollständig ausgeführt wird. Wenn Bank A bspw. 100 Millionen Euro an Bank B überweist und Letztere 70 Millionen Euro wieder an Bank A zurücküberweist, dann werden beide Transaktionen vollständig innerhalb weniger Sekunden ausgeführt. Das Handelsvolumen würde dann 170 Millionen Euro betragen. In einem Netto-Clearingsystem würde nur der Differenzbetrag von 30 Millionen Euro an Bank B überwiesen werden.

Auf dieser Basis werden jeden Tag im TARGET2-System 350.000 Zahlungen in einem Umfang von 1,7 Billionen Euro abgewickelt. Im Jahr beläuft sich das gesamte Volumen auf 440 Billionen Euro und entspricht fast dem Sechsfachen des Welt-BIPs. Da das TARGET2-System für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr genutzt wird, interagieren die nationalen Geschäfts- und Zentralbanken, sowie die EZB miteinander. Will beispielsweise ein italienisches Unternehmen eine Maschine aus Deutschland importieren, dann wird der Betrag für die Maschine nicht zwischen den jeweiligen Geschäftsbanken direkt ausgetauscht, sondern läuft über die nationalen Zentralbanken und die EZB. In diesem Beispiel wäre es die Banca d’Italia und die Bundesbank.

TARTGET2-System
TARTGET2-System

TARGET2-Forderungen und Verbindlichkeiten sind Ausgleichsbuchungen

Dabei überweist die Banca d’Italia aber kein Zentralbankguthaben direkt an die Bundesbank, sondern nutzt das TARGET2-System und die damit einhergehenden Ausgleichsbuchungen. Bei der Banca d’Italia wird die Höhe der Einlage der Geschäftsbank verringert und im gleichen Moment eine TARGET2-Verbindlichkeit gegenüber der EZB gebucht (Passivtausch). Im Gegenzug dazu, erhöht die Bundesbank die Einlage der deutschen Geschäftsbank, bei der der Maschinenhersteller sein Konto hat. Somit erhöht sich die Passivseite, um dies auszugleichen wird gleichzeitig eine TARGET2-Forderung gegenüber der EZB gebucht (Bilanzverlängerung).

Würde das Zentralbankguthaben der italienischen Geschäftsbank, das bei der Banca d’Italia auf der Passivseite steht, in Zentralbankguthaben bei der deutschen Bundesbank umgewandelt werden, würde die Passivseite der Banca d’Italia sinken und die der Bundesbank steigen. Somit würde das Eigenkapital der Bundesbank abnehmen und das der Banca d’Italia zunehmen. Damit die Überweisungen aber gewinnneutral bleiben, wurden TARGET2-Forderungen und Verbindlichkeiten als Ausgleichbuchung konstruiert.

TARGET2 ohne Ausgleich
TARGET2 ohne Ausgleich

Andernfalls wäre Deutschland permanent dazu gezwungen, die Bundesbank mit frischem Geld zu rekapitalisieren. Dadurch, dass bei der Bundesbank TARGET2-Forderungen entstehen und bei der Banca d’Italia Verbindlichkeiten, bleibt das System in der Waage. Dabei handelt es sich bei den Begrifflichkeiten Forderungen und Verbindlichkeiten um technische Vorgänge in der Buchhaltung. Sie sollten nicht mit einem Zahlungsanspruch zwischen den Zentralbanken verwechselt werden. Die Bundesbank hat keinen Zahlungsanspruch gegenüber der Banca d’Italia oder einer anderen Zentralbank.

TARGET2-Salden spiegeln Zahlungsströme in Europa wieder

Somit handelt es sich bei den TARGET2-Größen auch nicht um Kredite der nördlichen Exportländer gegenüber den Ländern aus dem Süden. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man sich den Versuch einer Tilgung vergegenwärtigt. Die TARGET2-Forderungen der Bundesbank sind dadurch entstanden, dass deutsche Produkte und Dienstleistungen nach Europa exportiert und von den Abnehmern bezahlt wurden. Je mehr Waren und Dienstleistungen exportiert und bezahlt werden, desto stärker steigen die TARGET2-Forderungen an.

Wenn wir diese nun senken wollen, dann müssten wir als Gesellschaft Geld an die Länder des Südens überweisen. Indem wir mehr Produkte aus Griechenland und Spanien importieren oder Aktien und Staatsanleihen erwerben. Dadurch würden TARGET2-Forderungen auf Seiten der Bundesbank und TARGET2-Verbindlichkeiten auf Seiten der Zentralbanken im südlichen Europa im gleichen Umfang sinken. Und das ist eigentlich der wichtigste Punkt, beim TARGET2-System: Die Salden spiegeln die Zahlungsströme in Europa wieder.

Banken- und Wirtschaftskrise ließ TARGET2-Salden auseinander divergieren

Bis zum Ausbruch der Finanzkrise waren die Zahlungsströme auch relativ ausgeglichen. Die TARGET2-Salden schwankten dabei um den Nullpunkt herum, übertrafen aber nur sehr selten die 20 Milliarden Euro Marke. Mit dem Ausbruch der Krise änderte sich dieses Verhalten aber fundamental und die deutsche Bundesbank baute stetig die Bestände von TARGET2-Forderungen aus, während die Zentralbanken von Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien einen Anstieg der TARGET2-Verbindlichkeiten verzeichneten.

TARGET2-Salden
TARGET2-Salden

Aber was war passiert? Mit dem Ausbruch der Krise verloren die Banken das Vertrauen in die Solvenz anderer Geldinstitute und sie liehen sich gegenseitig kein Geld mehr. Die Folge daraus war, dass der Interbankenmarkt, der eine bedeutende Refinanzierungsquelle für die Banken darstellt, zum Erliegen kam. Banken verzichteten darauf, kurzfristige Überschussliquidität gegen Zinsen an andere Banken zu verleihen. Stattdessen bunkerten sie das Geld bei der EZB, wo es ihrer Meinung nach am besten gegen eine Insolvenz eines Geldinstituts geschützt war.

Misstrauen der Banken trocknet den Kreditmarkt für die Peripherie aus

Und dies hatte direkte Auswirkungen auf die TARGET2-Salden. Bis zur Krise machten gerade deutsche Banken ein gutes Geschäft damit, ihre überschüssige Liquidität, zu attraktiven Zinssätzen an die Banken in der Peripherie zu verleihen. Die entgegengesetzten Zahlungsströme zum Export von Waren und Dienstleistungen senkten somit die TARGET2-Forderungen der Bundesbank und die Salden waren niedrig.

Mit dem Kollaps des Interbankenmarktes fiel dieser Zahlungsstrom vollständig weg und die Akkumulation begann. Verschärft wurde dieser Prozess dadurch, dass auch der Handel mit Staatsanleihen und Aktien einbrach, da niemand mehr sicher war, ob die betreffenden Länder oder Unternehmen ihre Schulden begleichen konnten. Somit trat eine Entwicklung ein, die wir aktuell in den steigenden TARGET2-Forderungen erkennen können. Ein ehemaliger Kreislauf hat sich zu einer Einbahnstraße gewandelt, in dem das Geld nur noch nach Deutschland fließt.

Bild des deutschen Musterschülers bröckelt

Wenn Deutschland wirklich ein Interesse daran hat, die TARGET2-Salden zu senken, dann funktioniert dies nur durch Investitionen oder Kredite an die Peripherie Europas. Aber die Aussagen in der Politik deuten nicht darauf hin, dass sich hier etwas ändert. Theoretisch besitzen die TARGET2-Salden keine Obergrenze, da sie die Zahlungsströme in Europa wiederspiegeln. Dennoch veranschaulichen sie die Problematik in Europa. Das Wirtschaftssystem ist aus dem Gleichgewicht geraten, da Deutschland massive Exportüberschüsse auf Kosten der hier ansässigen Arbeitnehmer erwirtschaftet und somit das Geld aus den Importländern absaugt.

TARGET2-Salden sind ein technisches Instrument der Zahlungsabwicklung, die zwar Problematiken in der Eurozone aufzeigen, aber nicht als „Finanzierung des Südens“ gelten können. Im Gegenteil, sie verdeutlichen zunehmend, dass auch Deutschland und sein Wirtschaftsmodell, das sehr stark auf den Export ausgerichtet ist, ein Problem darstellen. Das Land, das stolz auf seine Exportüberschüsse ist und sich selbst gern als Musterschüler darstellt, ist ein Mitverursacher der europäischen Wirtschaftskrise.


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