Finanz- und Wirtschaftsblog

Finanzanalysten – Fundierte Prognosen oder Wahrsagerei 2/2

Im ersten Teil wurden die Unterschiede zwischen Buy- und Sell-Side-Analysten sowie die beiden bekanntesten Analysemethoden besprochen. Letztere konnten aber nur sehr oberflächlich angesprochen werden, da über sie in der Literatur ganze Buchreihen existieren.

Der Kernpunkt im zweiten Teil konzentriert sich auf die Prognosegenauigkeit der Analysten. Besser gesagt: Können Analysten wirklich zukünftige Entwicklungen vorhersagen oder sind solche Analysen das Papier, auf dem sie stehen, nicht wert? Bevor aber die Herangehensweise, die Methodik und die Daten erklärt werden, soll ein kurzer Abriss über die Herkunft des Konflikts in der Investorenschar dargelegt werden.

Die Informationseffizienzhypothese und die nebelige Zukunft

Der Konflikt trägt sich vorzugsweise zwischen zwei Gruppen von Anlegern aus: Die einen halten Finanzmärkte für effizient und eine Vorhersage zukünftiger Kursbewegung für unmöglich. Die andere Gruppe vertritt die Meinung, dass Finanzmärkte nicht effizient sind und durch die Analyse historischer Daten zukünftige Entwicklungen prognostiziert werden können.

In wie weit Finanzmärkte effizient sind, damit beschäftigt sich die Finanzwissenschaft im Bereich der Informationseffizienzhypothese. Dabei versuchen Forscher herauszufinden, wie schnell, wie umfangreich und wie akkurat Informationen in Aktienkursen eingepreist werden.

Fama, der als Wegbereiter dieser Hypothese gilt, hat dafür ein mathematisch-statistisches Modell entwickelt. In diesem unterscheidet er drei Variationen der Effizienz mit unterschiedlichen Informationssets: Die schwache, die mittelstarke und die starke Informationseffizienz. Je nach Ausprägung gilt ein Finanzmarkt dann als effizient, wenn alle Informationen vollständig und korrekt im Aktienkurs dargestellt werden. Daraus folgt, dass kein Investor durch die Informationen eine dauerhafte Überrendite erzielen kann.

Schwache, Mittelstarke und Starke Informationseefizienz

Aber was beinhalten die einzelnen Informationssets? Die schwache Informationseffizienz berücksichtigt alle Informationen aus historischen Kursen. Das bedeutet, alle Ausprägungen, Formen oder Trends, die in der Kurshistorie sichtbar sind, sind vollständig im aktuellen Kurs eingepreist. Somit ist bei einer schwachen Informationseffizienz die Technische Analyse zum Scheitern verurteilt.

Die mittelstarke Informationseffizienz berücksichtigt neben der schwachen Informationseffizienz auch alle öffentlich zugänglichen Informationen. Die Kurse haben also alle Informationen aus Bilanzen, Ad-hoc Meldungen, Wirtschaftsdaten, etc. ebenfalls berücksichtigt. Somit machen Technische Analyse + Fundamentalanalyse keinen Sinn.

Die strengste aller Informationseffizienzen berücksichtigt alle historischen, öffentlichen und privaten Informationen. Letztere sind auch als Insiderinformationen bekannt. Bei der strengen Informationseffizienz gibt es für niemanden eine Möglichkeit, auf Dauer Überrenditen zu erzielen.

Folgen eines informationseffizienten Marktes

Aber warum wird um dieses Thema eigentlich so ein Drama gemacht? Spielt es überhaupt eine Rolle, wie effizient Finanzmärkte die Informationen verarbeiten? Die Antwort darauf ist sehr einfach und deutlich: Ja, es spielt eine Rolle. Wenn nachgewiesen wird, dass ein Finanzmarkt eine mittelstarke Informationseffizienz besitzt, dann sind aktuelle Analysemethoden samt und sonders wertlos.

Kein Analyst wäre in der Lage mit seinen Methoden einen Mehrwert für die Investoren zu schaffen, da er dauerhaft keine Überrenditen damit erzielen kann. In der gesamten Industrie sprechen wir von mehreren zehntausend Arbeitsplätzen, die überflüssig wären. Dazu kommt, dass sämtliche aktiv gemanagte Fonds ebenfalls obsolet wären. Es würde ein massiver Exodus an Arbeitsplätzen in der Finanzbranche nach sich ziehen.

Finanzmarktreport des ZEW

Aber wie sieht es jetzt mit den Analysten überhaupt aus? Können sie zukünftige Werte prognostizieren? Um dies zu beantworten muss zunächst die empirische Grundlage, auf der dieser Blogartikel aufbaut, erläutert werden. Die Daten entstammen dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Dieses Forschungsinstitut veröffentlicht jeden Monat die Erwartungen von etwa 350 Analysten aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen.

Abgefragt werden dabei unter anderem Erwartungen für die Konjunktur, Zinsen, Aktienkurse, Wechselkurse, Rohstoffpreise und Entwicklungen in einzelnen Branchen. Dabei wird der Prognosehorizont von sechs Monaten betrachtet und die Analysten können zwischen den Antwortkategorien erhöhen, nicht verändern und reduzieren auswählen. Diese qualitativen Daten werden mittels des Quantifizierungsverfahrens nach Carlson und Parkin in quantitative Daten überführt und dann mit den realisierten Kursen verglichen.

Die Zukunft bleibt auch für Analysten undurchschaubar

Die Ergebnisse zu den vom ZEW befragten Analysten sind eindeutig: Im Mittel besitzen Analysten keinerlei zusätzliche Informationen, die es ihnen ermöglicht, zukünftige Kursbewegungen korrekt vorherzusagen. Im Gegenteil, sie sind sehr stark von den aktuellen Kursentwicklungen beeinflusst. So kann man sagen, dass aktuelle Kursentwicklungen um den Prognosehorizont von sechs Monaten in die Zukunft verschoben werden.

Ob dies einen Mehrwert für die Investoren darstellt, ist fraglich. Aber zumindest für die befragten Analysten ist festzustellen, dass sie keine zusätzlichen Informationen besitzen, mit denen dauerhaft Überrenditen zu erzielen sind. Als Kritik kann man hier sicherlich anmerken, dass aggregierte Daten keine Rückschlüsse auf einzelne Analysten zulassen. So gab es immer Analysten, die Kursänderungen richtig prognostiziert haben. Inwieweit dies dauerhaft gelang, ist aufgrund der Aggregation der Daten nicht ersichtlich.

An dieser Stelle soll aber auf die Forschungsarbeiten von Hall und Tacon verwiesen werden, die sich genau dieser Problematik gestellt haben. Sie fanden heraus, dass historische Performance von Analysten keine Aussagekraft für zukünftige Prognosen besitzen und richtige Prognosen eher Zufall bzw. Glück entspringen.

Zusammenfasend ist zu sagen: Analysten können zukünftige Entwicklungen nicht dauerhaft korrekt prognostizieren. Die Angewandten Analysemethoden führen zu keinem Erfolg, im Gegenteil: Wer für sie Geld und Kapazitäten investiert, der wird am Ende einen Verlust realisieren. Daher ein abschließender Tipp: Börsenratgeber sind eine hervorragende Geldanlage – für den Autor


Ähnliche Artikel

Finanzanalysten – Fundierte Prognosen oder Wahrsagerei 1/2

Finanzanalysten – Fundierte Prognosen oder Wahrsagerei 1/2

Finanzanalyst an der Börse – Ein Beruf, der hohes Potenzial zur Spaltung der Investorenschar besitzt. Die einen halten ihn für überbezahlt und seine Prognosen für nichts Weiteres als Wahrsagerei und Betrug. Andere hingegen sehen in den Meinungen und Einschätzungen eine fundierte Richtschnur, anhand derer sie […]

Bitcoins und die Entstehung einer perfekten Blase

Bitcoins und die Entstehung einer perfekten Blase

In den letzten Tagen beherrschte die Cryptowährung Bitcoin nicht nur die Finanzwelt, sondern auch die deutschen Gazetten. So wurden in regelmäßigen Abständen Artikel über neue Höchststände und Möglichkeiten für Privatanleger veröffentlicht, um an dem aktuellen Boom zu partizipieren. Das sich der Preis der Bitcoin-Währung innerhalb […]