Finanz- und Wirtschaftsblog

Finanzanalysten – Fundierte Prognosen oder Wahrsagerei 1/2

Finanzanalyst an der Börse – Ein Beruf, der hohes Potenzial zur Spaltung der Investorenschar besitzt. Die einen halten ihn für überbezahlt und seine Prognosen für nichts Weiteres als Wahrsagerei und Betrug. Andere hingegen sehen in den Meinungen und Einschätzungen eine fundierte Richtschnur, anhand derer sie ihre Anlageentscheidung ausrichten.

Inwieweit Analysten wirklich in der Lage sind zukünftige Entwicklungen zu antizipieren, ist ein Kernbestandteil dieses zweiteiligen Artikels. Der erste Teil befasst sich mit den Arten von Analysten, deren Aufgaben und der Vorgehensweise bei der Erstellung von Analysen. Der zweite Teil wird anhand von bekannten Marktindizes empirisch überprüfen, ob Analysten wirklich zukünftige Entwicklungen vorhersagen können.

Die beiden Hauptarten von Finanzanalysten

Allgemein wird zwischen Buy- und Sell-Side-Analysten unterschieden. Erste sind bei großen Marktakteuren wie Hedgefonds, Publikumsfonds oder auch Banken die Eigenhandel betreiben angestellt. Sie erstellen exklusive Einschätzungen über die aktuellen und zukünftigen Marktentwicklungen und reichen diese an das Management weiter. Dieses baut auf den Analysen die Handelsstrategien auf und entscheidet, ob es Aktien kauft oder verkauft, bzw. das Portfolio grundsätzlich umgestaltet.

Sell-Side-Analysten (SSA) haben gegenüber den Buy-Side-Analysten (BSA) eine gegensätzliche Ausrichtung und Kundengruppe. Während Berichte der BSA unter Verschluss bleiben, haben SSA’s die Kunden des Finanzinstituts bzw. die Öffentlichkeit zur Zielgruppe.

Buy- und Sell-Side-Analysten

Während BSA nur das Interesse einer optimalen Markteinschätzung verfolgen, steht ein SSA in einem Interessenkonflikt. Banken und Broker sind keine Altruisten, die das Ziel einer gerechten Welt verfolgen. Bei ihnen handelt es sich um Unternehmen, mit Gewinnerzielungsabsichten.

Und die meisten verdienen ihr Geld dann, wenn Kunden viele Transaktionen an der Börse durchführen. Kunden hingegen werden nur dann kaufen, wenn sie einen Gewinn erwarten und das bedeutet: Der Aktienkurs muss steigen! – wenn man Leerverkäufe und Optionsgeschäfte außer Acht lässt.

Und hier sitzt der Analyst in der Zwickmühle: Positive Prognosen mit hohen Gewinnerwartungen regen Investoren zum Kaufen an. Dies führt dazu, dass der Arbeitgeber Geld verdient und man selbst einen sicheren Job hat. Sollten die Prognosen aber nicht eintreten, verliert der Analyst an Glaubwürdigkeit und die Kunden suchen sich einen anderen Anbieter.

Analysten die aufgrund eines solchen Interessenkonflikts rechtskräftig verurteilt wurden waren Henry Blodget und Jack Grubman. Beiden konnte in internen E-Mails nachgewiesen werden, dass publizierte Einschätzungen keinerlei Objektivität besaßen. Sie wurden durch die Emittenten gekauft. Die Verurteilung mündeten in einer deutlichen Verschärfung bezogen auf Offenlegungspflichten und Anforderungen an Analysten.

Im Rahmen der Finanzkrise erlangte Goldman Sachs ebenfalls eine unrühmliche Bekanntheit in einer ähnlichen Angelegenheit. Während den Kunden kräftig Subprime Mortages verkauft wurden, hat die Bank auf deren Ausfall gewettet. Das Wissen um die Toxizität dieser Portfolios und der Unwissenheit vieler Anleger – auch deutscher Banken – kreierte einen unheilvollen Cocktail. Am Ende verloren viele Investoren Geld und Goldman Sachs Wette ging auf.

Fundamentalanalyse oder Technische Analyse

Neben der Unterscheidung zwischen Buy- und Sell-Side-Analysten wird auch bei der Erhebung der Daten für den Analysebericht unterschieden. Die Trennung ist hier aber nicht so eindeutig und oft herrschen Mischformen vor, die Teile der jeweils anderen Analyseform mit berücksichtigen.

Bei der Fundamentalanalyse werden die betriebswirtschaftlichen Daten und das Umfeld von Unternehmen bewertet. Ziel dabei ist es, den fairen oder angemessenen Preis – innerer Wert – von Wertpapieren zu finden. Langfristig gehen Analysten davon aus, dass sich der Wertpapierpreis immer an den inneren Wert angleicht. Unter- oder Überbewertungen sollen somit als Ein- bzw. Ausstiegspunkte identifizierbar sein.

Technische Analysten hingegen konzentrieren sich rein auf Muster im Kursverlauf. Sie gehen davon aus, dass Kurse von Wertpapieren bereits alle relevanten Informationen berücksichtigen. Somit erübrigt sich eine Fundamentalanalyse und die einzige relevante Informationsquelle stellt der historische Kursverlauf dar.

In diesen Kursverläufen sollen sich wiederkehrende Muster ausbilden, die abhängig von Zeitpunkten und Auftreten von Finanzanalysten interpretiert werden. Beispiele dafür sind Wiederstands- und Unterstützungslinien oder auch langfristige gleitende Durchschnitte. Ein Durchlaufen von oben nach unten stellt dabei ein Verkaufssignal – im umgekehrten Falle ein Kaufsignal – dar.

Die Aufgaben eines Analysten sind durchaus anspruchsvoll und bedürfen einem entsprechenden Erfahrungsschatz. Dazu kommen unterschiedliche Anforderungen der eigenen Zielgruppe und der Auftraggeber. Letzten Endes stellt sich aus Sicht der Investoren aber eine entscheidende Frage: Sind die Prognosen so zuverlässig, dass ich kontinuierlich Gewinn erzielen kann?

Diese Frage soll im zweiten Teil dieses Artikels behandelt und beantwortet werden.


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